Institut Deutsche Adelsforschung
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Aspekte der Frauen- und Witwenschaft im deutschen Adel

Zwei Neuerscheinungen zum Thema historischer adeliger Frauenschaft

Frauen haben in der Geschichtsschreibung des Adels bis zur Mitte des XX. Jahrhunderts kaum eine Rolle gespielt. Erst in den letzten Jahrzehnten ist, bedingt durch die aufgekommene Genderforschung, eine genauere Erforschung der Lebenslagen von Frauen in Mode gekommen. Freilich ist, besonders im Adel, daran zu denken, daß Frauen zwar teils an hervorragender Stelle als Herrscherinnen und Monarchinnen bekannt sind, doch sind diese Frauen, wie beispielsweise Katharina die Große, die Ausnahme. Im konservativen Milieu des Adels und Hochadels im europäischen Raum war die Frau traditionell die Hüterin des Hauses und der Kinder, zwar damit auch zuständig für die wichtige grundlegende Erziehung künftiger Fürsten, dennoch aber zumeist beschränkt auf ihre Häuslichkeit, während ihre Männer in jahrhundertelangem Patriarchat regierten und Kriege führten, Staaten lenkten und Entscheidungen von weitreichender politischer Bedeutung trafen. Dementsprechend hat sich die Geschichtsschreibung bislang eher mit den Männern beschäftigt: Dem in der Gesellschaft langsam wachsenden Status der Frau entsprach mit zeitlicher Verzögerung der wachsende Status der Frau in der Adelshistoriographie. Umso mehr ist es zu begrüßen, wenn die beiden Themenfelder „Adel und Frau“ miteinander verbunden werden, um Auskünfte über die Lebensweise und Einflußmöglichkeiten von Frauen im Adel und Hochadel gewinnen zu können. Hier haben sich bereits seit einigen Jahren bedeutende Forscherinnen mit Arbeiten hervorgetan, denen nunmehr auch noch zwei weitere Werke folgen: Eine Korrespondenzenedition der Briefschaften der Elisabeth Herzogin von Sachen (1505-1532) sowie ein Sammelband mit Aufsätzen zur adeligen Witwenschaft in Mittelalter und in der Frühen Neuzeit (1200-1800) sind 2010 im Leipziger Universitätsverlag erschienen.1

Die mustergültige Briefedition, eine große Fleißareit akribischer Natur nach neuesten Editionsrichtlinien bearbeitet, beschäftigt sich indes mit einer außergewöhnlichen Fürstin: „Verleumdete Ehebrecherin, tragisch kinderlose Gattin, engagierte Lutheranerin, herrschende Fürstinwitwe“ nennt sie der Herausgeber Thieme, dessen Werk finanziell von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen gefördert wurde  und daher auch von einem christizistischen Geist durchweht ist, wenngleich dieser jedoch nicht die wissenschaftliche Qualität der Herausgabe und Kommentierung beeinflußt zu haben scheint.
Thieme gliedert sein Werk über die reformationsgeschichtlich nicht unbedeutende Fürstin in die Abschnitte „Person und Zeit“, in denen er einführend über die Personalie und ihre Einordnung in der bisherigen Forschung referiert, bevor er editionstechnische Annotationen zur Vorgehensweise seiner Transkription macht (Seite IX-XLVI). Im Hauptteil folgt dann die Korrespondenzabschrift mit einleitender Zusammenfassung für jedes der numerierten 181 Schriftstücke, Foliierungsangaben, Worterklärungen, Quellenangaben, Personalnotizen vorkommender zeitgenössischer Personen, die heute nicht mehr ohne weiteres bekannt sind und mit Abkürzungsauflösungen (Seiten 3-321). Ein Anhang schließlich bringt zahlreiche Register aller Stücke, der Empfänger, Aussteller, Ausstellungsorte, der Bestandsprovenienzen (aus den Staatsarchiven Marburg, Weimar, Schwerin und Dresden), eine Schrifttumsliste, umfangreiche Personen-, Sach- und Ortsverzeichnisse aller vorkommenden Begriffe, ein Verzeichnis der erwähnten Bibelzitate, ein Redensartenverzeichnis, eine Konkordanz erloschener Wörter, schließlich auch noch eine farbige genealogische Tafel und 18 Farbabbildungen mit Portraits und Gleichdrucken einiger Briefschaftsbeispiele (Seiten 325-435). Nachteilig ist, daß die Register fast ausnahmslos auf die Briefnummern verweisen und nicht auf die Seiten des Buches; dadurch wird das Auffinden eine bestimmten Begriffes deutlich erschwert (auch wenn im Kolumnentitel jeder Seite die jeweilige Briefnummer angezeigt wird).

Da die Edition jedoch nicht nur private Briefschaften enthält, sondern einesteils auch neue Darstellungen und Perspektiven auf religiöse und politische Ereignisse der Reformationszeit in Sachsen (wie beispielsweise den „Packschen Händel“) und - durch die genealogische Verflechtung mit etlichen Fürstenhäusern - im großräumigen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation wie Hessen und Mecklenburg wirft sowie anderenteils auch Testamente, Quittungen, Futterzettel und Reiseinstruktionen enthält, die über die personelle Zusammensetzung des fürstlichen Gefolges und über wirtschaftliche Gegebenheiten aufklären, ist der Band nicht nur ein schlichtes Editionswerk unbedeutender persönlicher Befindlichkeitsnotizen, sondern ein lesenswertes Kaleidoskop der frühneuzeitlichen Religionsstreitigkeiten, die zur Gründung der evangelisch-lutherischen Kirche führten. Insofern sind sie auch eine Form der Gründungserzählung dieses religiösen Kultes.2

Das zweite Werk vereinigt dahingegen 19 Aufsätze von Historikerinnen, Volkskundlerinnen und Kunsthistorikerinnen, die sich in einzelnen Facetten dem Thema der adeligen Witwenschaft widmen. Auch hier ist ein Beitrag zur Biographie der Elisabeth Herzogin von Sachsen enthalten, der ebenfalls von Thieme stammt,  aber der Bogen wird anhand biographischer Narration doch wesentlich weiter gespannt und erstreckt sich daher auch auf zahlreiche andere Witwen in ihren religiösen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, gesellschaftlichen, juristischen und regionalen Bezügen. Untersucht werden hier bisher vernachlässigte Forschungsfelder, die Bezug beispielsweise auf die Einflüsse von Witwen des deutschen Hoch- wie Niederadels auf die Territorialbildung in der Frühen Neuzeit nahmen, aber auch auf Bautätigkeiten, religiöse Formen, Vormundschaftswahrnehmungen, Selbstinszenierungen, die Wahrnehmung von Geschäften für ihren Gatten und die Sepulkralkultur.

Der Band ist interdisziplinär angelegt, was sich nicht nur aus der Zusammenbringung von 20 beitragenden Wissenschaftlerinnen widerspiegelt, sondern auch in den Fragestellungen, die sich auch mit semiotischen, symbolischen und konstruierten „Bildern“ von Witwen als „Denkfigur“ oder mit Selbstbehauptungsstrategien befassen. [3] Die behandelten Territorien weisen dabei weit über Sachsen hinaus und behandeln auch Witwenfragen aus Mecklenburg, Hessen, Niedersachsen, Westfalen, Württemberg und Österreich. Insofern weist das Werk weit über die reine Historiographie der adeligen Witwen hinaus und verknüpft verschiedende Aspekte des Gesamtthemas geschickt miteinander, ohne sich zudem auf ein einzelnes Territorium zu beschränken.

Annotationen:

  • [1] = André Thieme (Herausgebender): Die Korrespondenz der Herzogin Elisabeth von Sachsen und ergänzende Quellen, Leipzig 2010 (Schriftenreihe "Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde", Band 3,1: die Jahre 1505 bis 1532), 435 Seiten, Hardcoverbindung, zum Preis von 80,00 Euro sowie Martina Schattkowsky (Herausgeberin): Witwenschaft in der Frühen Neuzeit. Fürstliche und adlige Witwen zwischen Fremd- und Selbstbestimmung (Tagungsberichte aus Rochlitz aus dem Jahre 2001 über fürstliche und adlige Witwen in der frühen Neuzeit), Leipzig 2003, 463 Seiten, Hardcoverbindung zum Preis von 45,00 Euro.
  • [2] = Zur Wichtigkeit der Gründungserzählung für die Gruppenidentität einer Gemeinschaft siehe den Aufsatz von Friedrich Balke: Gründungserzählungen, in: Harun Maye & Leander Scholz (Herausgebende): Einführung in die Kulturwissenschaft, München 2011, Seite 23-48
  • [3] = Etwas aus dem Rahmen (und zwar sowohl territorial als auch sprachlich) fällt ein englischsprachiger Aufsatz über Witwenportraits als Erinnerungsstrategie im frühneuzeitlichen Florenz (Seite 321-341)
Verfasser dieses Textes ist Claus Heinrich Bill

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