Institut Deutsche Adelsforschung
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Europäischer Adel und Unternehmertum

Perspektiven und Ambivalenzen im Zeitalter der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts

Der Wiesbadener Gelehrte Wilhelm Heinrich Riehl schrieb im Jahre 1851 in einem deutschen Periodikum einige ständeversöhnliche Worte und Gedanken: "Der feste Grundbesitz ist die Basis der Solidität der Aristokratie. An ihm haftet die aristokratische Selbstständigkeit. Durch diese ist wiederum der aristokratische Beruf großentheils bedingt. Durch den Grundbesitz wird der Adel der nächste Alliierte, der natürliche Schirmherr des kleinen Grundbesitzers, des Bauern. Dem Landadel ist ein gar weites Feld eröffnet, fördernd auf die Blüthe des Bauernstandes einzuwirken, denselben in seiner alten Gediegenheit, in der historischen Zucht seiner Sitte, gegenüber den nivellierenden Einflüssen der Zeit, bewahren zu helfen. Die Seßhaftigkeit hat den Adel des Mittelalters national gemacht, sie hat ihn eng mit den andern Ständen verknüpft. Sie wird ihn allezeit am meisten vor kastenmäßiger Absperrung bewahren. Zu dem Grundbesitz gesellt sich in neuerer Zeit die große Industrie. Sie öffnet dem begüterten Adel ein neues Feld des unabhängigen Besitzes, der beneidenswerten socialen Wirksamkeit. Und wie das Ackergut ihn dem Bauern nahe bringen sollte, so sollte er hier durch die Solidarität der Interessen der natürliche Patron des kleinen Gewerbsmannes werden und des tagelöhnenden Arbeiters in der Blouse, des Mannes vom vierten Stande.“ [1] Ob Riehls Worte indes auf fruchtbaren Boden fielen und den Adel zu einem natürlichen Verbündeten aller anderen Stände machte, sei dahingestellt. Das Aufkommen und spätere Erstarken der Arbeiterbewegung und ihre doch zumeist starke Frontstellung gegen den feudalen Adel läßt anderes vermuten. 

Was aber Riehl durchaus prophetisch sah, war die Beteiligung des Adels auch an der Industrie und am Unternehmertum. Dazu besaß der Adel indes ein gespaltenes Verhältnis. Der `gute und patriarchalische Hausherr´ der Frühneuzeit war ein Mann `guter Ökonomie´ [2] und gerade der Adel mußte bei allem Distinktionsstreben und bei hohen Geldausgaben für Repräsentation die prestigsträchtige `Sichtbarmachung´ des Adels zur Erzeugung symbolischen Kapitals (im Sinne Bourdieus gedacht) befördern. [3]

Dass also ökonomische Grundannahmen und Adel keine sich ausschließenden Phänomene waren, lag auf der Hand. Allerdings lag dem Adel zumeist im autostereotypisierten Leitbild ein Gewinnstreben, wie es Teile des innovationsfreudigen Bürgertums zeigten, fern. Dies äußerte sich nicht zuletzt in fürstlicher Adelsschutzpolitik und dem Aufgreifen des Verbots von Gewerbe und Handel, was hin bis nach Bayern führte, wo bis zum Weltkriegsende 1918 noch die Bestimmung galt, dass derjenige von seinem bayerischen Adel temporär supendiert werden sollte, der derlei Tätigkeiten nachging. Auch wenn die Zahl der Adeligen, die auf diese Weise tatsächlich zeitweise ihren Adel ablegen mußten, marginal und daher überschaubar blieb, [4] so ist doch nicht zu leugnen, dass Gewinnstreben und Adel als Phänomene durchaus auch Ambivalenzen hervorbrachte. Andererseits ging die öffentliche Wahrnehmung auch in die andere Richtung, weil man es dem Adel zum Vorwurf machte, daß er sich a conto seiner reichhaltigen Mittel aus dem Grundbesitz mit desto längerer Ausdauer auch industriellen Unternehmungen widmen könne und daher ein Ungleichgewicht gegenüber dem weniger pekuniär potenten Bürgertum bestünde. [5] 

Alle diese Zitate und Erwähnungen zeigen, dass Adel und Unternehmertum teils in Kongruenz, teils aber auch in Inkongruenz zueinander standen. Unternehmerisches und daher kapitalistisches Streben, Denken und Handeln des Adels im europäischen Vergleich präsentiert nun indes in 16 Aufsätzen ein neuer Sammelband.6 Beklagt wird darin zunächst, dass sich die Forschung mit der Thematik und Beziehungsgeschichte dieser Phänome bislang wenig beschäftigt habe. Das ist teils richtig, teils aber auch durchaus verständlich. Denn auch der Band, der mit seinen Aufsätzen die Druckfassungen von Vorträgen einer bereits 2009 in Nordrhein-Westfalen abgehaltenen wissenschaftlichen Archivtagung enthält, bestätigt letztlich – bei allen neuen Details – im Großen und Ganzen das, was bereits Berghoff (2000) konstatiert hatte: 

Demnach war der Adel in der Industrie selten und war darin vor allem dann aktiv, wenn dessen Engagement über das Prinzip der Dependancenbildung, der Metastasierung oder des `organischen Wachstums´ lief. [7] Industrielle Unternehmungen gingen daher bevorzugt vom adelsleitbildtypischen Grundbesitz aus, zuerst in den agrarischen Verarbeitungsindustrien wie der Zuckerverarbeitung oder Branntweingewinnung. Unter diesem Aspekt kann auch die weniger nachhaltige Ausbeutung von Bodenschätzen in Form der Montanindustrie – nicht nur bei schlesischen Magnaten – als eine erweiterte Form der Landbewirtschaftung gelesen werden. Weniger allerdings sprach der Adel auf andere gewinnmaximierende Zweige an. Zwar beteiligten sich einige Adelige trotz mangelnder Kenntnisse an Spekulationen, aber diese Fälle schienen mehr Warnzeichen zu sein denn Auftakte zu größerem Spekulationswillen. 

So verlor 1872 der Bankier Richard Menschik Edler von Delau in Österreichisch-Schlesien seinen Adel in einem Strafgerichtsprozeß, weil er sich mit Aktien verspekuliert hatte und dem Gründerkrach zum Opfer gefallen war. [8] Ähnlich ging es dem oberbayerischen Gutsbesitzer Franz Grafen zu Spaur von Flavon (1825-1886); [9] denn er sagte vor Gericht aus: „Bis zum Anfang der Sechziger-Jahre ist es mit meinen Angelegenheiten im Großen und Ganzen gut gegangen. Dann kam aber ein Unglücksfall nach dem anderen über mich. Ich wurde verleitet, mich in große industrielle Unternehmungen einzulassen, was ich auch in Wirklichkeit that, indem ich z. B. Brauereien auf meinen Gütern errichtete. Ich war aber weder mit der Wirthschaft, noch im Industriefache bewandert und konnte auch keine genügende Einsicht in die Geschäfte nehmen. So kam es, daß der Direktor ein Defizit von 140.000 Gulden anhäufte und dann verschwand.“ [10]

Was hier ein bayerischer Adeliger in seinem Egodokument aussagte, kann auch sympotmatisch gelten für den Adel allgemein, was sein Verhältnis zur Industrie in der Formierungszeit der Moderne anlangte. Es genügte eben nicht, adelige Tätigkeiten als Agrarunternehmer vorzuweisen, sondern eine erfolgreiche Wirtschaft benötigte auch Innovationsgeist, Aneignungs- und Anpassungsvermögen. Aber eben jenes ökonomische Aneignungsvermögen ging Menschik ebenso wie Spaur ab – ganz anders als den wesentlich angepaßter agierenden Herzögen von Arenberg, wie in dem Sammelband dargelegt wird (Seite 73-88). 

Industrielle Unternehmungen waren daher mit Gefahren verbunden, die auch schon einmal die ökonomischen Grundlagen gefährdeten und ein gewisses Risiko beinhalteten, die das reine Streben nach Erhalt des bisherigen Grundbesitzes in traditioneller Weise vermied. 
Der Sammelband aber widmet sich vor allem gelingenden Unternehmungen in den Niederlanden, in Belgien, England, Polen, Rußland, im Rheinland, in Lothringen, Spanien, Österreich und Kurland. Hervorhebenswert ist außerdem ein Aufsatz über die Dekonstruktion von kurländischer Adeligkeit und die Veränderung adeliger Leitbilder, die durch veränderte ökonomische Rahmenbedingungen hervorgerufen worden sind – Stichwort `Traditionalisierung des Dienstethos´ (Seite 167-188). 

Insgesamt präsentiert der Band eine Fülle detaillierter Anregungen für künftige Untersuchungen, um das nach wie vor problematische Verhältnis des historischen Adels zum Unternehmertum und zum Kapitalismus – auch komparatistisch und international – zu vermessen. [11] Das Feld zwischen den Riehlschen, Menschikschen und Spaurschen Positionen ist mit diesem Band um ein weiteres Stück bereichert worden, wenngleich sicher noch viele Länderstudien nötig sind, um hier weiter in die Tiefe zu gehen. Dann wird sich zeigen, ob die schon bei Berghoff geäußerte Ansicht, die auch hier weitgehend bestätigt wurde, weiter Bestand hat. Von einer unauflöslichen Ambivalenz – zwischen Adel und Industrie – wird man aber wohl auch dann allemal noch ausgehen dürfen. [12]

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.

Annotationen: 

  • [1]= Wilhelm Heinrich Riehl: Die Aristokratie in ihrem socialen Berufe, in: Deutsche Vierteljahrschrift, Heft 2, Stuttgart / Tübingen 1851, Seite 193-194.
  • [2] = Dazu siehe Karin Baumgartner: `Der verarmte Edelmann wird Mäkler, Speculant, oder gemeiner Bauer´. Geld, Ökonomie und Adel in den konservativen Texten des Vormärz, in: Jutta Nickel (Hg.): Geld und Ökonomie im Vormärz (19. Jahrbuch des Forum Vormärz-Forschung 2013), Bielefeld 2014, Seite 37-55
  • [3] = Dazu beispielsweise Andreas Pecar: Status-Ökonomie. Notwendige Investitionen und erhoffte Renditen im höfischen Adel der Barockzeit, in: Gabriele Jancke / Daniel Schläppi (Hg.): Die Ökonomie sozialer Beziehungen. Ressourcenbewirtschaftung als Geben, Nehmen, Investieren, Verschwenden, Haushalten, Horten, Vererben, Schulden, Stuttgart 2015, Seite 91-107
  • [4] = Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Bestand Heroldenamt Akt 157: Verweigerung des Adels wegen Führung eines Geschäftes mit offenem Kram und Laden, Suspension des Adels und wegen einer nicht standesgemäßen Berufsausübung, 1818-1918 (insgesamt 92 Blatt), hier Blatt 84 mit einer 12 Einträge umfassenden Liste der ermittelbaren Fälle der Adelssuspensionen (gemäß § 21 Absatz 1 des bayerischen Adelsediktes) aus den Jahren 1878-1893.
  • [5] = Nomen Nescio: Adel und Industrie, in: Deutsches Volksblatt (Wien), Nr. 7845 vom 4. November 1910, Seite 3.
  • [6] = Manfred Rasch / Peter K. Weber (Hg.): Europäischer Adel als Unternehmer im Industriezeitalter, Essen 2017, 303 Seiten, farbiger Festeinband, Band 5 der Schriften der Vereinigten Adelsarchive im Rheinland, lieferbar für 24,95 Euro unter der ISBN: 978-3-8375-1740-8.
  • [7] = Hartmut Berghoff: Adel und Industriekapitalismus im deutschen Kaiserreich – Abstoßungskräfte und Annäherungstendenzen zweier Lebenswelten, in: Heinz Reif (Hg.): Adel und Bürgertum in Deutschland I. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 19. Jahrhundert, Berlin 2000, Seite 233-271.
  • [8] = Die Presse, Wien, ? 33 vom 3. Februar 1872, Seite 3 / Nomen Nescio: Proceß gegen einen Banquier, in: Klagenfurter Zeitung, Klagenfurt ? 28 vom 6. Februar 1872, Seite 190 / Nomen Nescio: Proceß Menschik, in: Neues Fremden-Blatt, Wien, Morgenblatt ? 30 vom 31. Januar 1872, Seite 5-6 / Nomen Nescio: Ein `liberales´ Verdict gegen den Börsenschwindel, in:  Wiener Kirchenzeitung, Wien, Nr. 7 vom 17. Februar 1872, Seite 98-99.
  • [9] = Zu ihm siehe Genealogisches Handbuch des Adels, Gräfliche Häuser A, Band III., Glücksburg 1958, Seite 418.
  • [10] = Nomen Nescio: Prozeß Spaur, in: Grazer Volksblatt, Graz, Nr. 103 vom 6. Mai 1873, Seite 4.
  • [11] = Vor allem für den deutschen Raum sei verwiesen auf die Vorgängerpublikation von Manfred: Rasch: Adel als Unternehmer im bürgerlichen Zeitalter [Vorträge des wissenschaftlichen Kolloquiums der Vereinigten Westfälischen Adelsarchive e.V. vom 28. bis 30. Juli 2004 in Bad Driburg], Münster 2006, 367 Seiten.
  • [12] = Einzig mühselig an dem Band ist die Regelung, dass keine Fuß-, sondern bedauerlicherweise nur Endnoten genutzt worden sind. Das erfordert ein stetiges Hin- und Herblättern zur Ermittlung der Quellennachweise.

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