Institut Deutsche Adelsforschung
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»Die Moral ist für alle Menschen nur Eine!«

Zwei Buch-Rezensionen des Beck-Lexikons der Ethik (2008) und des Handbuchs Ethik (2011)

Die Worte der Überschrift stammen von Johann Jakob Engel aus der Vorrede seines Werkes „Der Fürstenspiegel“ von 1798 und implizieren, daß Moralitäten festgeschrieben seien und nach den Maßstäben, die Engel aufführt, allesamt zu bewerten wären. Diese Auffassung gilt heute als veraltet: Moral kann nicht mehr absolut, sondern muß relativistisch ebenso wie „die Wahrheit“ gesehen werden. Sie muß zunächst konstruiert werden und ist vom sozialen, intellektuellen, materiellen, religiösen oder anderweitigen Standpunkt des Betrachtenden abhängig. Die Beschäftigung mit dieser Frage heißt als philosophische Disziplin jedoch „Ethik“.

Noch zur Zeit des Ancien Regime wirkte die Absolutheit von „Wahrheit“ und „Moral“ wesentlich stärker als im Postmodernismus der Kommunikationsgesellschaft. Es kam diesbezüglich zu einer Demokratisierung und Pluralisierung der ethischen Begriffe und Haltungen. Dabei erweiterte sich der Kreis der Moralschaffenden erheblich: Anfangs geboten nur kleine personelle Kreise über die Moral des ganzen Volkes, heute gebietet jeder über seine eigene Moral; es gibt ein supermarktähnliches Moralangebot, welches der Lohn der Freiheit des gegenwärtigen Menschen ist. Gleichzeitig damit verbunden aber ist auch die Pflicht zur Auswahl einer oder mehrere Ethiken, um für jedes Handlungsfeld nicht nur emotionale, sondern auch rationale Strategien zu besitzen.

Ethik und Moral an sich sind indes wichtige Steuerungsmodelle für menschliche Handlungen und das Handeln aller denkbaren sozialen Gemeinschaften, Nationen, Ethnien oder Gruppen. Ethik und Moral sind dafür verantwortlich, daß sich Selbstmordattentäter um eines bestimmten Jenseitsbildes halber in die Luft sprengen, aber auch dafür, daß Buddhisten auch den kleinsten Lebewesen gegenüber Achtsamkeit empfinden.

Denn neben politischen, ökonomischen, theoretischen und lebenspraktischen Fragen haben vor allem auch hintergründig moralische Fragen im Verhalten der Menschheit, in Gesellschaften, zwischen Gesellschaften und in jedem einzelnen Individuum zu bestimmten Handlungen und Werteorientierungen geführt, den sogenannten Moralien. [1] Dazu gehören direkte Moralien ebenso wie indirekte Moralien. Direkte Moralien finden sich in schriftlich niedergelegten oder auch nur mündlich überkommenen Vorschriften zu konkreten Handlungsanweisungen, die sich in Form von Dekalogen (Christizismus) oder Gesetzen (Staatswesen) einen Ausdruck verschafft haben. Daneben existieren aber auch indirekte Moralien, die gleichfalls festgeschrieben oder auch nicht festgeschriebener Art sein können, deren Inhalt sich aber auf Ansichten allgemeiner Handlungsleitlinien bezieht. Hierbei handelt es sich um eher diffuse Eigen-, Fremd- und Feindbilder, zu zumeist mit voreiligen Schlüssen oder Stereotypbildungen einhergeht, aus denen dann Handlungsweisungen herauswachsen. Daß Satanisten beispielsweise per se Rituale mit Tieropfern und Kindesmißbrauch praktizieren würden, ist eine landläufige Stereotypbildung, [2] die auf indirekten Moralien beruht, welche „das Böse“ als Faszinosum  grundsätzlich ins Außen projizieren.

Diese Werteorientierungen oder Moralien, gleich ob direkt oder indirekt, werden jedoch im Hintergrund ethisch bestimmt und der Grundsatz jeder Ethik ist die Bewertung einer Sachlage oder Herausforderung. Es ist die Frage nach der Einteilung der Gegebenheiten in einen Kanon, der strikt nach „richtig“ und „falsch“, „nötig“ und „unnötig“, „befördernswert“ und „unterbindesnwert“, „förderlich“ und „schädlich“ unterscheidet und aus dessen Erkenntnis sich dann bestimmte Handlungen oder Unterlassungen einstellen. Insofern ist die Ethik als Wertesystem die Grundlage menschlicher Kulturalität, die jedoch zwar oft im Verborgenen blüht, um aber umso deutlicher sichtbare Auswirkungen am lebenden Objekt zu zeitigen.

Doch abgesehen davon werden Ethiken nicht einfach nur - wie in Parteiprogrammen, Gesetzen und Verordnungen üblich - „erklärt“ oder „proklamiert“, sondern auch empfunden, beispielsweise ohne größeres Nachdenken die ethischen Grundsätze, die sich spontan bei der Einstellung eines schlechtes Gewissens bei oder nach einer Handlung im Inneren regen. In eine ähnliche Kategorie gehören auch ethisch tangierte Gefühle wie die Scham, die immer dann empfunden wird, wenn das eigene Verhalten als nicht konform zur Umgebung wahrgenommen und diese Devianz als negativ belegt erkannt wird (beide Lemmata, „Gewissen“ und „Scham“, sind in dem Lexikon natürlich vertreten). [3]

Ethik und Moral war indes früher eine Sache der Unterordnung des Individuums unter einen fertigen Katalog, heute eine weniger beschränkte Sache der Freiheit des Individuums, sofern sich diese, so der allgemeine Konsens, in den Grenzen des kategorischen Imperativs als Absolutgrundlage ethischen Handelns bewegt. Um indes dem Dilemma, sich nicht mehr nur auf vorgefertigte Ethiken und Normenkataloge verlassen zu können, zu entgehen, müssen Ethiken neu entwickelt werden. Aufkommende Fragen nach dem Klimawandel, nach der Verantwortung für kommende Generationen, nach Maßstäben der Ethik in der Gentechnik, nach einer  Neudefinition der sozialen Organisationsformen (beispielsweise das Sozialmodell „Familie“ als überkommene Traditionsform), der Präimplantationsdiagnostik, der Organtransplantation, der Sterbehilfe oder der Kernkraftnutzung sind im XX. Jahrhundert neu entstanden. Zugleich gibt es aber auch vergangene Ethiken, die laufend obsolet werden. Es herrscht daher eine mehr oder minder starke Fluktuation der moralischen Werte, von denen einige daueraktuell sind, so die Moral des „gerechten“ oder „ungerechten“ Krieges, andere aber untergegangen sind, so die Ethik der Benutzung der Portechaise oder die Durchführung eines Duells: Denn weil Portechaisen oder Duelle nicht mehr benutzt werden, sind auch die mit ihnen verbunden gewesen Ethiken erloschen.

Auf dem heutigen Markt der Wertgrundhaltungen läßt sich indes gerade durch die Globalisierung der Welt ein stetiger Wandel und auch Zuwachs bemerken, der eine Orientierung zunehmend schwieriger macht. Orientierung bieten hier verschiedene Handbücher zur Ethik und Moral, von denen hier zuerst das aus dem Beckverlag näher besprochen werden soll. Das „Lexikon der Ethik“ erscheint seit 1977 und ist mittlerweile in der 7. überarbeiteten Auflage von 2002 erhältlich sowie seitdem erheblich, nunmehr auf 379 Seiten, erweitert worden. [4]

Es enthält Lemmata von „Abtreibung“ bis „Ziel“ in großer Zahl, auch wenn einige Stochworte vergeblich gesucht werden. So sei dem Herausgeberquartett für künftige Aufnahmen noch empfohlen, die Lemmata „Dystopie“ (beim Lemma Utopie nur am Rande als negative Utopie erwähnt, jedoch wert, durch die Frage nach ihren ethischen Dimensionen), „Paradies“ (als sakrale oder weltliche visionäre Örtlichkeit), „Vegetariertum“ (als ethische Lebensform mit bestimmt ausgeformten Merkmalen des Bio- und Pathozentrismus), „Polyamorie“ (als divergierende Form besitzergreifender sogenannter „romantischer Liebe“) und „Gerechter Krieg“ aufzunehmen. [5]

Gerade der letzterwähnte Punkt besitzt große Aktualität, nicht nur wegen der Rechtfertigung des Gewaltweges „Krieg“ zur Sicherung von partikularen und nicht etwa gemeinnützigen Interessen, sondern auch wegen der grundsätzlichen Frage, wie auf Krieg zu reagieren ist. Moralisch besehen ist Krieg derzeit zwar als Zustand der Kommunikation zwischen souveränen Staaten offiziell unerwünscht, wird aber als „Gerechter Krieg“ moralisch legitimiert und durchgeführt. Diese unverminderte Aktualität hält auch weiterhin an: Der jüngste Einsatz der internationalen Militärs, die mit Billigung der UN unter der Begründung, Zivilisten schützen zu wollen, in Libyen zwischen März und Oktober 2011 Krieg führen, ist das jüngste Beispiel eines angeblich „Gerechten Krieges“. Umso erstaunlicher ist es, daß sowohl das Handbuch (Seite 376) als auch das Lexikon (Seite 89) auf dieses Lemma „Gerechter Krieg“ nur am Rande angeht und das Thema marginalisiert, obgleich es eines der drängendsten ethischen Probleme der heutigen Welt und im Zeitalter der Globalisierung ist.

Daß die Moral als Motiv zur Kriegsführung gern benutzt wird, läßt sich besonders gut an Kriegserklärungen ablesen. Demnach habe in der Regel keiner der beiden staatlichen oder auch nichtstaatlichen Konfliktparteien die Absicht einen Krieg zu fphren, er sei vielmehr jedem von außen aufgezwungen worden. Im zweiten Irakkrieg von März bis Mai  2003 behaupteten beispielsweise sowohl der Irak als auch die USA, man habe auf Bedrohungen reagiert und sei nicht der Verursacher der Gewalt. Der irakische Staatspräsident Saddam Hussein (1937-2006) sagte dazu bei Kriegsbeginn zu seinem Volk: „Der Friede sei mit Euch, die Ihr das Böse in der Welt bekämpft … Wir versprechen Euch in unserem eigenen Namen, im Manem der Fühurng und im Namen des mit Gottes Segen kämpfenden Volkes des Iraks und seiner heldenhaften Armee ..., daß wir Widerstand gegen die Invasoren leisten werden und sie mit Gottes hilfe bis an die Grenze ihrer Geduld trieben werden … Sie werden auf die unterste Stufe sinken und besiegt werden … Lang lebe unsere ruhmreiche Nation  und lang lebe die Bruderschaft und der Menschlichkeit und derjenigen, die Frieden und Sicherheit lieben. Gott ist groß und läßt die Verlierer verlieren. Es lebe der Irak, es lebe der Heilige Krieg, und es lebe Palästina!“ [6]

Auch der us-amerikanische Präsident George Bush gab ähnliche Beweggründe für seine Invasion im Irak vor: „Zu dieser Stunde befinden sich amerikanische und verbündete Streitkräfte in der Anfangsphase der militärischen Operationen zur Entwaffnung des Iraks, um seine Bevölkerung zu befreien und die Welt vor einer ernsten Gefahr zu schützen … Und ich versichere Ihnen, dies wird kein halbherziger Feldzug, und wir werden als Ergebnis nur den Sieg akzeptieren. Die Gefahren für unser Land und die Welt werden überwunden. Wir werden diese gefährlichen Zeiten hinter uns lassen und mit der Arbeit des Friedens fortfahren. Wir werden den Frieden verteidigen. Wir werden anderen den Frieden bringen. Und wir werden siegen, Möge gott unser Land schützen und alle, die es verteidigen.“

Auffallend ist, daß jeder der beiden Kriegsparteien, die ursächlich für die Führung der Gewaltanwendung, der Verhehrung des Landes, der Zerstörung der Kulturgüter und den Tod tausender Zivilisten und Soldaten verantwortlich waren, moralisch meinten, sie seien in einem Dualismus aus „Gut“ und „Böse“ befindlich und würden selbst auf der Seite der „Gutheit“ stehen. Der jeweils andere sei ein Aggressor und man slebst wolle nur zur Waffe greifen, um das „Böse“ zu vernichten.

Dabei werden sowohl Floskeln zur Erhaltung des Friedens bemüht als auch transzendentale Weihen ins Feld geführt. Den beiden Aussagen nach würde jedoch entweder eine gemeinsam gedachte Gottheit entweder Krieg gegen sich selbst führen oder eine islamische und eine christliche Gottheit im Kampf gegeneinander antreten, wobei die jeweils eigene Gottheit in der Renommagequantität höherrangig veranschlagt wird als die fremde Gottheit.

Man sei jedenfalls, so wurde von den Kontrahenten suggeriert, in „höherem Auftrag“ tätig und wollte zudem die Gottheiten in einem okkulten Beschwörungs- und Magiezauber instrumentalisieren. Dabei ergibt sich das Paradoxon, daß Krieg um des Friedens Willen geführt wird. Dementsprechend sind in diesen wie auch in sämtlichen anderen Fällen von kriegerischen Auseinandersetzungen Kriegsvermeidungsstrategien aus ethischer Sicht vernachlässigt worden. Auch die „Goldene Regel“, sowohl positivistisch als auch negativistisch formuliert, sind dort nicht angewendet worden. [7] Einige Gegenmittel wider den Krieg als Kommunikationsform sind der „Ziviler Ungehorsam“ im Kriegsfall und vorbeugende Mittel zur Kriegsvermeidung. Diese Möglichkeiten werden im Lexikon indes leider auch viel zu geringschätzig behandelt, [8] haben aber in der Literatur unter dem Stichwort „Friedensforschung“ Hochkonjunktur.

Neben diesen aus der Vergangenheit als Anthromorphismus überkommenen ethisch verbrämten Kriegsgelüsten als bleibenden Herausforderungen der Gegenwart sind aber auch die zeitgebundenen Ethiken nicht zu vernachlässigen. Für beide Gruppen jedoch gilt: Die ethischen und moralischen Fragen können abschließend nicht beurteilt werden, das laufende Vergehen und Werden auch ethischer Grundlagen [9] und auch sich neu (hauptsächlich aus Gründen fortschreitender Technik) ergebender Handlungsfelder erfordert eine stetige gesellschaftliche, politische und individuelle Anpassung. Um indes hierfür Rüstzeug zu haben und auf der theoretischen Ebene Informationen zu liefern und Grundlagen zu schaffen, ist das hier rezensierte Lexikon der Ethik ein willkommener Denkanstoß, das bei einem geringen Taschenbuch-Preis jede Seite lohnt, Anregungen bietet und Kontroversen aufzeigt, ohne die Lesenden bevormunden zu wollen. Es ist daher auch weniger ein Lexikon als mehr ein Kompendium durch den Irrgarten der ethischen Grundlagen menschlichen Handelns. Seine Ausrichtung ist vorwiegend theoretisch-praktisch. Es führt in jedem Lemma in die Problematik und Definition ein und wirft dann durchaus offene und diskursive Fragen nach Handlungsoptionen auf, die ausnahmslos von den Lesenden selbst beantwortet werden müssen.

Zugleich wird der theoretische Hintergrund im Lexikon nicht allzu ausführlich dargestellt, was wichtig ist, wenn der Praktiker - dazu werden als Zielgruppe alle Geisteswissenschaftler, Journalisten, mediale Multiplikatoren, Sozialpädagogen, Psychologen und überhaupt in sozialer Interaktion Tätigen, aber auch Selbständige und Geschäftsleute gezählt - sich einen raschen Überblick über die wichtigsten Fragen zu einem Lemma verschaffen möchten.

Das Lexikon bringt den herrschenden Diskurs auf einen Nenner und versammelt die unterschiedlichen Meinungen auf einem Platze. Dadurch besteht zwar die Gefahr der Pauschalisierung, der jedoch durch die ausgewiesene Fachkompetenz und das Fingerspitzengefühl der Verfasser ausgeglichen wird: Sie bevormunden nicht die Lesenden, sondern eröffnen ihnen, gemäß der herrschenden Freiheit der Meinungsäußerung und Moralienbildung, die Möglichkeit, und auch die Pflicht, sich selbst ein Bild einer anstehenden Sachlage zu machen und durch Güterabwägung das Pro und Contra einer herausfordernden Entscheidung gegeneinander abzugleichen.

Das zweite hier zu besprechende Werk ist das „Handbuch Ethik“, welches bereits in der dritten Neuauflage 2011 erschienen ist. [10] Im Gegensatz zu dem vorbesprochenen Buch ist es wesentlich ausführlicher und eignet sich daher für einen tieferen Einstieg ins Thema besser. Wer sich tiefschürfend von philosophischer und reflektierender Warte aus über bestimmte Themen informieren will, ist daher mit dem Handbuch sehr gut beraten. Die Zahl der Lemmata ist hier mit 53 zwar kleiner als im Lexikon der Ethik des Beckverlags, aber eben doch innerhalb der aufgenommenen Stichworte deutlich umfangreicher. Als Vergleichsbeispiel mag der in beiden Werken vorhandene Beitrag über „Feministische Ethik“ hervorgehoben werden. Das Lexikon drängt den Text auf gut einer zweispaltigen Druckseite zusammen (Seite 78-79), das Handbuch erörtert die Thematik dahingegen auf fünf zweispaltigen Druckseiten (Seite 352-358). Beide Bücher indes verfügen in diesem Lemmafall über einen recht reichhaltigen Literaturapparat zum Weiterlesen. Inhaltlich bietet das Handbuch einen Abriß der Historie der feministischen Ethik über bestimmte Autorinnen, worauf das Lexikon ganz verzichtet, um nur die wichtigsten Eckpunkte der Ethik selbst zu referieren. Dementsprechend ist auch beim Handbuch ein längerer Einführungsteil, der rund 50 Prozent der Seitenzahl und des Buchumfangs einnimmt, vorgeschaltet, der im Lexikon ganz fehlt.

Abseits von der feministischen Ethikbetrachtung geht es beim Handbuch im Vorschaltungsteil um die ethischen Theorien im Überblick sowie Erläuterungen zu bestimmten Spezialethiken wie Bioethik, Kulturethik oder Tierethik. Diese Spezialethiken werden indes auch im Lexikon vorgestellt, allerdings in dem alphabetischen Teil der Lemmata. Dennoch wäre es ungerechtfertigt, einem der beiden Werke den Vorzug zu geben, da sich beide, verfaßt von je verschiedenen Autoren, gegenseitig ergänzen und unterstützen. Es kommt stets darauf an, welche Ansprüche die Lesenden an die Werke haben. Derjenige, der sich einen ersten raschen Überblick über die Inhalte bestimmter Lemmata verschaffen will, ist mit dem Lexikon gut beraten, und derjenige, der mehr Hintergrundwissen benötigt, sollte sich eher mit dem Handbuch anfreunden.

Freilich konnten weder hier noch dort nicht alle aktuelle Ethiken berücksichtigt werden. Zu den in den beiden Büchern als nichtrelevant angesehenen Ethiken gehören beispielsweise unisono die eckankaristische, rosenkreuzerische, mormonische, anthroposopische, theosophische, freimaurerische, adelige, wiccabeziehentliche, sophistische und die satanistische Ethik. Zweifelsfrei sind die in der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion eher Randethiken, während die am meisten diskutierten Ethiken in den beiden Bänden eher vertreten sind.

Die Nichtaufnahme dieser speziellen Ethiken ist allerdings eine bewußt herbeigeführte medienethische Entscheidung und Gewichtung, obgleich beispielsweise bemerkt werden muß, daß die satanistische Ethik als hedonistische Moral zwar weit verbreitet ist, aber in den seltensten Fällen so bezeichnet wird. Zu ihr gehört als prägendstes Merkmal immerhin die Betonung des individualistischen Standpunktes vor dem gesellschaftlichen Standpunkt, der in der im Zeitalter der digitalen Revolution zumindest in den westlichen Ländern Europas und Nordamerikas zu den hervorstechendsten Merkmalen der Gesellschaft zählt. Es ist daher bedauerlich, daß die diversen satanistischen Ethiken, [11] die sich zudem in ihrer Eigensicht deutlich von den über sie in den Massenmedien kursierenden kollektiven Phantasiekonstrukten unterscheiden, hier im Handbuch und im Lexikon gleichermaßen nicht erwähnt werden. [12] Reizvoll wäre es außerdem, die Anteile satanistischer Ethik in scheinbar diametral entgegengesetzten Ethiken, wie beispielsweise der christizistischen Ethik, einmal zu behandeln; erinnert sei nur an die Verfolgung, Folterung und Tötung devianter und sogenannter „Hexen“ und „Ketzer“ oder das Reichskonkordat der katholischen Kirche von 1933 im Dritten Reich, in dem mehr als satanistische Elemente zweifelsfrei enthalten sind.

Ein nicht unwesentlicher Teil des zur Verfügung gestellten Platzes in den beiden Büchern nimmt stattdessen die christizistische Ethik ein, die jedoch in beiden Bänden nicht unter dieser Definition, sondern unter den Lemmata „christliche Ethik“ (Lexikon, Seite 41-44)  und „Theologie und Ethik“ (Handbuch, Seite 520-529) firmieren. Die jeweiligen Ethiküberlegungen lassen sich dann auch praktisch anwenden.
Ein Beispiel, das diese Annahme belegt, und in der die in den Bänden besprochene christizistische Ethik tangiert wird, bietet folgender Fall eines unbekannten Autors namens „P.G.“, der sich im Jahre 1824 über umherziehende Moritatensänger [13] echauffierte. [14] In einer hessischen Kirchenzeitung schrieb dieser Autor:

„Vor mehreren Jahren machte der Unterzeichnete die Regierung zu M., seiner Vaterstadt, auf den sittenverderblichen Unfug aufmerksam, welcher auf öffentlichen Märkten und Straßen von den sogenannten Bänkelsängern durch das Absingen und den Verkauf skandalöser, unzüchtiger Lieder getrieben wurde; er schickte auf Verlangen mehrere Exemplare von dergleichen Obscönitäten an die besagte Regierung, und veranlaßte dadurch einen, ihm in Abschrift von ihr mitgetheilten Befehl an alle Magistrate und Justizämter der Provinz, auf jenes liederliche Volk und seine, ihm ähnliche lose Waare ein wachsames Auge zu haben, dieselbe im Betretungsfalle wegzunehmen und zu vertilgen. [15] Fast unter dieselbe Kategorie jener schmutzigen Rhapsoden gehören diejenigen Leute, welche seit einigen Jahren in Städten und auf dem Lande herumziehen und die vor längerer oder kürzerer Zeit, meist im deutschen Vaterlande vorgefallenen, schrecklichen Unthaten - gewöhnlich Vater-, Mutter- und Kindermord - vor den Häusern absingen, und zugleich auf [einem] Tableaux vor die Augen des Publicums bringen.

Der etwa hiervon zu hoffende Nutzen möchte mit den daraus entspringenden nachtheiligen Folgen in keine Vergleichung kommen; vielmehr dürften hier dieselben Rücksichten eintreten, welche es jeden Vernünftigen mißbilligen lassen, wenn kleinen Kindern schändliche Thaten der Bosheit erzählt werden, oder wenn bei den Verhandlungen der Geschwor[e]nengerichte selbst der roh[e]ste Pöbel und Kinder gegenwärtig sein dürfen, wie dies wenigstens bei der Jury im ehemaligen Königreiche Westphalen geschehen durfte. - Durch jene Publicationen entsteht eine Bekanntschaft mit dem Verbrechen, die für Viele von denen, welche diese Bekanntschaft machen, nämlich die niedere Volksclasse und Kinder, sehr gefährlich ist. Sie erfahren und sehen hier, daß Handlungen wirklich - und sogar öfters - geschehen, die sie kaum für möglich hielten, und für die aus eben diesem Grunde selbst ein heidnischer Gesetzgeber nicht einmal eine Strafe bestimmen wollte.

Eine unausbleibliche Folge davon ist: Verminderung der Achtung vor der Menschheit [16] - dieser Hauptgrundsäule aller Gesetzlichkeit und Sittlichkeit; die heilige Scheu vor dem Verbrechen wird dadurch mehr geschwächt, als verstärkt, und bei Manchen Gedanken aufgeregt, die ihnen außerdem ewig fremd geblieben wären. Das Beispiel ist ansteckend - selbst das abschreckendste, zumal wenn es auf jene Weise gleichsam celebrirt wird. Es ist zum Beweise dieser Behauptung nicht nöthig, an die Wirkung zu erinnern, welche die ersten Vorstellungen von Schillers Räubern auf dem Theater zu Leipzig bei der dasigen Jugend hervorbrachten, [17] oder an die unglückliche Idee jenes Menschen, der einen Mord beging, blos um so solenn aus der Welt zu gehen, wie der einige Wochen vorher hingerichtete Missethäter; die Situationen aber mancher Zuhörer und Beschauer - besonders in Zeiten drückender Noth, wie die gegenwärtigen - sind von denen nicht verschieden, welche jene abgesungenen und abgebildeten Gräuelscenen veranlaßt haben ...

In jedem Falle würde es weit nützlicher und zur Beförderung der sittlichen Bildung des Volks von besserer Wirkung sein, wenn ihm, statt jener gräuelhaften Schandthaten, welche die Menschheit entehren, und die Nation, bei der sie geschahen, beschimpfen, ausgezeichnete edle Handlungen zur Schau und zum Muster der Nachahmung aufgestellt würden.“ [18]

Der hier aus dem frühen XIX. Jahrhundert stammende Bericht verdeutlicht stark die hohe Bedeutung indirekter Moralien, da Bänkelsänger im deutschsprachigen Raum vom XVII. bis zu Beginn des XX. Centenariums, also vor Einführung der modernen Massenmedien, ein übliches Beschäftigungsfeld von Künstlern und durchaus nicht per Gesetz verboten war. Er war Nachrichtenübermittlung und Kuriositätenschau und gleicht in diesen Zielen auch den noch heute erscheinenden eher plakativen Massenmedien, mußte jedoch entgegen der vorherigen Darstellung von 1824 nicht nur moralisch verwerflich sein.

Denn zugleich neben der Schilderung von Gewaltszenen existierte in bestimmten und nicht allzu seltenen Fällen des Bänkelgesangs am Ende auch die „Moral von der Geschichte“, die einer entsprechenden Handlungsauffoderung und Moralienbildung entgegenkam. Ob der Verfasser des historischen Berichtes diese Moralien nicht hören wollte oder ob sie in den erwähnten und von ihm extra pauschalisierten Fällen nicht existiert haben, entzieht sich zwar der Erkenntnis des heutigen Betrachters. Dennoch wird deutlich, daß der anonyme Verfasser Bänkelsängern pauschal begegnet (er nennt keine Einzelfälle, sondern konstruiert ein „Bild“) und darin eine Gefahr vor allem für seine eigene Moralität sieht: Nach Sigmund Freuds und Philip Zimbardos Lehre projizierte er als „Abwehrmechanismus des Ich“ in ihm verdrängten Wünsche und Neigungen nach Unmoralität auf die Bänkelsänger. [19]

Auch hier gilt also: Moral kann Vehikel eigener unterdrückter Strebnisse sein und muß nicht per se nur handlungsleitend sein, sondern muß immer auch als Ausdruck persönlichem oder intragruppalen Empfindens gesehen werden. Hierzu gehören Fragen wie: Wer stellt Moralien auf? Wer hat einen Nutzen von einer bestimmten Moral? Welche Bedeutung hat Moral für bestimmte Gruppierungen, für Machthabende oder Unterdrückte? Welche semiotischen und semantischen Funktionen haben Moralien im historischen, gesellschaftlichen, politischen, religiösen oder anderweitigen Kontext ihrer Zeit? [20]
Dies sind Fragen, die auch durch das besprochene Lexikon und das Handbuch aufgegriffen und behandelt werden, so daß beide Werke für ethische Diskussionen aller Art unentbehrlich erscheinen und rückhaltlos zur Anschaffung empfohlen werden, vor allem Handlungsträgern, die in ihren Entscheidungen eine hohe Verantwortung bei der moralischen Abwägung tragen und Moralien konstruieren, verwerfen und neu produzieren.

Dieser Aufsatz stammt von Claus Heinrich Bill und erschien zuerst gedruckt in der Nobilitas - Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Jahrgang XIV., Sonderburg 2011, Folge 65, Seite 1-12

Annotationen:

  • [1] = Darunter wird eine konstruierte Gesamtheit handlungsleitender Prinzipien verstanden. Das Wort wurde entlehnt aus Adolph Freiherr Knigge: Die Reise nach Braunschweig - ein comischer Roman (Hannover 2.Auflage 1794, Seite 162), ist jedoch auch bereits früher und an anderer Stelle verwendet worden.
  • [2] = Ina Schmied-Knittel & Michael Schettsche: Erbfeinde aus dem Innern. Satanisten in der christlichen Gesellschaft, in: Daniela Klimke (Herausgeberin): Exklusion in der Marktgesellschaft, Wiesbaden 2008, Seite 214-228
  • [3] = Siehe dazu auch Christoph Demmerling & Hilge Landweer: Philosophie der Gefühle, Stuttgart 2007, Seite 219-244, insbesondere das Kapitel „Scham, Schuldgefühl und Empörung in der Moral“ (hier Seite 236-242)
  • [4] = Es kostet 14,95 Euro je Exemplar
  • [5] = Der Verfasser des Artikels zum Thema Lemma, der Philosophieprofessor Christoph Horn, behauptet allerdings in dem Werk auf Seite 183, daß eine „partnerschaftliche Liebe“ von „dauerhafter wechselseitiger Zuneigung und Anerkennung gekennzeichnet“ sei. Er folgt damit allerdings nicht dem erklärten Ideal der Liebe als voraussetzungsloses und bedingungsloses Gefühl des Betrachtens der dinglichen und nichtdinglichen Umwelt (siehe dazu als Gegenentwurf Peter Lauster: Die Liebe. Psychologie eines Gefühls, Reinbek bei Hamburg 38.Auflage 2008), sondern teilt die Liebe in Verlangen (eros) und Zuneigung (philia) ein. Daß Liebe nach dem Ideal unvergänglich und dauerhaft auf eine Person bezogen sein soll, ist nicht antropomorph, da das humanoide Dasein in allen Bereichen (Geist, Körper, Seele) aus einem Sukzeß von Werden und Vergehen besteht. Die „Erhebung der dauerhaften und wechselseitigen Liebe“ ist egozentrisch und redet einem Eigentumsanspruch an anderen Menschen (an denen, die man vorgeblich „liebt“) in den Vordergrund und auf einen nicht verdienten Thron. Ein praktisches Beispiel dieser ebenfalls schon psychopathologischen (wenn auch sehr weit verbreiteten!) Form von „Liebe“ sind die alltäglichen „Dramen“ bei Paaren um „das Fremdgehen“ in nicht durch eine Ehe (also durch ein gegebenes Versprechen) verbundenen Lebensgemeinschaften.
  • [6] = Kieler Nachrichten Nro.68 vom 21. März 2003 (Artikel „Zieht Euer Schwert ohne Angst“). Daraus auch die Kriegserklärung von Georg Bush im hier zitierten Wortlaut
  • [7] = Die „Goldene Regel“, die sich als gemeinsamer Nenner moralischen Handelns in vielen internationalen Kulturen auffinden läßt, lautet positivistisch: „Behandele Andere so, wie Du selbst behandelt werden möchtest!“ und negativistisch: „Füge keinem Anderem ein Leid zu, daß Du selbst nicht erleiden möchtest.“ Zur „Goldenen Regel“ siehe Otfried Höffe: Goldene Regel, in: Otfried Höffe (Herausgebender): Lexikon der Ethik, Stuttgart 7.Auflage 2008, Seite 118-119 sowie Jacob Neusner: The golden rule. The ethics of reciprocity in world religions, London 2008. Grundlegend aus der deutschsprachigen Forschung ist dazu immer noch Hans Reiner: Die Goldene Regel. Die Bedeutung einer sittlichen Grundformel der Menschheit, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Band III., Frankfurt am Main 1948, Seite 74-105
  • [8] = Im nachfolgend besprochenen Handbuch ist zwar auf Seite 293 von der Ressourcenökonomie die Rede, die jedoch nur Bezug auf umweltethische Fragestellungen nimmt und die Ressourcenverteilung nicht unter dem Kriegsvermeidungsaspket betrachtet. Infolge einzelner Machthaber, die jedoch eine Gier nach noch mehr Macht innehaben, ist indes auch eine bessere Ressourcenverteilung als Mittel zur Kriegsvermeidung oft genug machtlos.
  • [9] = Ein weiteres Beispiel für die Erledigung einer Gewissensfrage ist die der Wehrdienstleitung oder Kriegsdienstverweigerung in der BRD, die seit der Abschaffung der Wehrpflicht am 1.Juli 2011 nicht mehr gestellt wird. Das Lemma „Wehrdienst“ ist damals bei Erschienen des Buches noch aktuell gewesen und daher auf Seite 339 noch zu finden. Es bleibt indes auch weiterhin, wenn auch nicht für den Bereich der BRD, von Bedeutung, da der Krieg immer noch nicht geächtet und als „gerechter Krieg“ in der Welt weitergeführt werden kann. Im Übrigen ist zu kritisieren, daß der Verfasser des Lemmas „Wehrdienst“, der Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl, behauptet, daß Zivildienstleistende gegenüber Wehrdienstleistenden Nachteile hätten haben können. Dies ist jedoch nicht im Konjunktiv zu setzen, da diese Nachteile jahrzehntelang bestanden haben: In den Jahren 1958 bis 2011, in denen es zugleich Wehr- und Zivildienst gab, mußten die Zivildienstleistenden Nachteile erleiden, weil sie häufig längere Zeit dienten (6-20 Monate) als die Wehrdienstleistenden (6-18 Monate). Nur in wenigen Jahren war die Zivil- und Wehrdienstzeit gleich lang.
  • [10] = Marcus Düwell & Christoph Hübenthal & Micha Werner (Herausgebende): Handbuch Ethik, Stuttgart 3.Auflage 2011, gebunden, 599 Seiten, Personenregister, Sachregister, kostet je Exemplar 49,95 Euro
  • [11] = Die freilich die gut zwei Dutzend verschiedenen satanistischen Ethiken mit hätte berücksichtigen müssen. Eine Liste dieser satanistischen Bereichsethiken findet man bei Ina Schmied-Knittel & Michael Schettsche: Erbfeinde aus dem Innern. Satanisten in der christlichen Gesellschaft, in: Daniela Klimke (Herausgeberin): Exklusion in der Marktgesellschaft, Wiesbaden 2008, Seite 222
  • [12] = Siehe hierzu Joachim Schmidt: Satanismus. Mythos und Wirklichkeit, Marburg 3.Auflage 2008 sowie Melanie Möller: Satanismus als Religion der Überschreitung. Transgression und stereotype Darstellung in Erfahrungs- und Aussteigerberichten (Religionswissenschaftliche Reihe, Band XXVI.), Marburg 2007
  • [13] = Sie hierzu Kristina Mahlau: Unterhaltungskunst zwischen Zensur und Protest: Die Entstehung des literarischen Kabaretts 1880-1905 am Beispiel Frank Wedekinds, Norderstedt 2008, Seite 12-19
  • [14] = Er war indes nicht der einzige historische Kritiker. Vor allem Institutionen, die einen Sittenverfall durch Moritaten- und Bänkelsänger befürchteten, waren zahlreich. Ein anderes Beispiel ist der anonyme Aufsatz  „Über die Benutzung der Musik zur Veredlung der Landleute, als Sache des Staates“ (in: Allgemeine Musikalische Zeitung, Ausgabe Nro.42 vom 17.July 1805, Spalte 671), in der den Bänkelsängern nicht nur Sittenverrohung, sondern auch das rein materielle und damit satanistisch-profanweltliche Motiv hervorgehoben wurde: „Unmittelbare Verbreitung guter Lieder kann man vom Staate nicht fordern. Aber billig sollte er den Leuten Grenzen setzen. Welche die Kunst zu einem Kopf, Herz und Sinn verderbenden Erwerbszweig machen. Das würde z. B. gescheh[e]n durch das Verbot von schmu[t]zigen Liedern, durch deren wohlfeile Vertrödelung an die Landleute Colporteurs und Bänkelsänger Saamen der Unsittlichkeit und des Verderbnisses überhaupt ausstreu[e]n. Oft stehen diese Leute im Solde der Buchdrucker, die den rohen Geschmack der Landleute zu benutzen suchen, und sie durch klüglich gewählte Aushängeschilder zum Kauf ihrer Waaren einladen.“
  • [15] = Tatsächlich ist diese Angabe historisch, da etliche Städte, Staaten, Provinzen oder Gemeinwesen den Bänkelsängern ihre Professionsausübung auf ihrem Territorium unter bestimmten Umständen untersagten. Siehe dazu Leander Petzold: Bänkelsang. Vom historischen Bänkelsang zum literarischen Chanson, Stuttgart 1974. Allerdings geschah dies weit weniger aufgrund von indirekten Moralien, wie es der Verfasser von 1824 weismachen möchte, sondern aufgrund der Verletzung gesetzlich vorgeschriebener Sperrstunden oder wegen eines Hausfriedensbruch. Zahlreiche bibliographisch nachgewiesene Beispiele dazu findet man bei Hofrath W. G. von der Heyde: Handbuch für Polizei-Anwalte und Polizei-Beamte, Magdeburg 1850, Seite 83: „Herumziehende Drehorgelspieler und Musikanten sollen bei Vermeidung ein- bis zweitägiger Gefängnisstrafe weder unaufgefordert in Häuser und Höfe eindringen, noch durch unerbetene Leistungen das Publikum belästigen, oder des Abends über die in den Gast-und Schenkhäusern erlaubte Zeit ihr Spiel fortsetzen.“ Diese Verbote wurden in den Königlich Preußischen Amtsblättern der Regierungen von Bromberg, Erfurt, Gumbinnen, Königsberg, Magdeburg, Merseburg, Münster und Trier abgedruckt und finden sich dort vor allem in den 1830er Jahren.
  • [16] = Diese ethische Diskussion um die Vorbildwirkung von virtuellen, erspielten oder erzählten Realitäten für tatsächliche Gewalttaten ist in der bundesdeutschen Gesellschaft und ihren Meinungsmachern nach wie vor und auch im XXI. Jahrhundert noch hochaktuell und auch in der Psychologie als „Werthereffekt“ bekannt. Siehe dazu Eike Torben Zimmermann: Gewalt in Computerspielen und gewalttätiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Reflexion einer gesellschaftlichen Debatte und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit, Kiel 2011
  • [17] = In diese gleiche Kategorie fällt auch die Nachfolgewirkung der durch melancholische Protagonisten vollzogenen Suizide, seien sie real geschehen wie nach dem Tode von Heinrich von Kleist (1777-1811) oder nur literarisch in Form präsentiert wie bei Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (erschienen erstmals 1774)
  • [18] = Allgemeine Kirchen-Zeitung, Ausgabe Nro.114 vom 21.September 1824, Darmstadt 1824, Spalte 943-944. Der Verfasser übersah dabei jedoch, daß die Darstellung moralischer Haltungen bereits von den traditionellen Eliten (Kirche und Staat) verkörpert wurden und daher wenig Attraktivität für andere Medien besaß. Bänkelsänger fanden ihre Marktnische eben gerade in dieser Darstellung und gleichen in dieser Beziehung der immer noch in der Postmoderne stattfindenden Hegemonialisierung sogenannter „schlechter Nachrichten“ in Radio und Fernsehsendungen. Die Frage der jeweils zuständigen Redakteure und Journalisten nach der Auswahl einkommender Nachrichten für die Weiterleitung an die Empfänger ist ebenfalls ein medienethisches Problem. Zu dieser „Schleusenwärterfunktion“ siehe das Handbuch, Seite 269
  • [19] = Zu den Abwehrmechanismen siehe Peter Becker: Psychologie der seelischen Gesundheit, Band I., Göttingen 1982, Seite 58

  • [20] = Zu dieser „metaethischen Semantik“ siehe vor allem das Handbuch im Vorschaltungsteil, Seite 27-29
 

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