Institut Deutsche Adelsforschung
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Neues Kompendium zum Deutschen Adel

Besprechung einer Buchnovität aus der Reihe Beck-Wissen (2014)

Im Jahre 1902 spielte sich folgender Präzedenzfall vor einem böhmischen Gericht ab, der mindestens einen weiteren ähnlichen Fall aufdeckte, der später in der Presse als „Monstre-Prozeß in Adelsmacherei“ bezeichnet wurde und in den zudem etliche hochgestellte Persönlichkeiten verwickelt waren: [1] „Falscher Adel. Vor dem Strafgericht in Prag begann am 27. Oktober die Schluß-Verhandlung gegen einen jener Genealogen, welche in den letzten Jahren zahlreichen Personen unter der Vorspiegelung, dieselben seien aus einem alten oder adeligen Geschlecht, durch Fälschen von öffentlichen Urkunden die Erhebung in den Adelsstand erwirkten oder zu erwirken suchten. Der 64 Jahre alte ehemalige Ökonom Alois Müller Ritter v.Mildenberg hatte auch sich selbst zuerst den Adels- und den Ritterstand erwirkt; sein Gesuch um Zuerkennung des Freiherrnstandes blieb erfolglos. Die Anklageschrift führt 23 Familien an, für welche Müller den Adelsstand teils tatsächlich erwirkt hat, teils zu erwirken suchte, wobei er sich unzählige Fälschungen öffentlicher Urkunden zuschulden kommen ließ. Für diese Arbeit ließ er sich Beträge bis zu 40.000 Kronen zahlen. Die den Adel anstrebenden Personen wußten allerdings nicht, daß die von ihm beschafften Dokumente vorerst gefälscht wurden.“ [2]

Der Fall zeigt, wie beliebt Adel trotz des bürgerlichen Zeitalters noch am Ende der Belle Epoque gewesen ist, wie begehrt bei manchen Geldaristokraten oder Mittelständlern, die mehr scheinen wollten als sie waren, die sich immaterielle oder auch materielle Vorteile erhofften von einem zusätzlichen sozialen Kapital, welches sie sich durch Müller v.Mildenberg zu verschaffen hofften. Somit kennzeichnet der Fall eindrücklich die ambivalente Spannung, die zwischen Moderne und Adel bestand, aber auch die scheinbar stetige Aktualität der aristokratischen Idee im bürgerlichen Milieu - trotz oft erheblicher politischer Frontstellung. Die aristokratische Idee, aus der Ständegesellschaft der Vormoderne stammend und bis 1918 personal und gruppal gebunden, ist in den letzten Jahrzehnten vermehrt Gegenstand auch der geschichtswissenschaftlichen Forschung geworden. Kompendien über die Forschungsergebnisse aber waren noch rar, so lange noch nicht genügend Spezialstudien erschienen waren. Dies ist heute im XXI. Jahrhundert anders. Und damit ist die Zeit auch der Kompendien und zusammenfassenden Überblickswerke gekommen. Eines dieser Werke, aus Bayern stammend, soll hier vorgestellt werden. 

Es ist ein schmales Bändchen von 128 Seiten. Ein solches Bändchen zu schreiben, ist nun zwar kein sehr schwieriges quantitatives Unterfangen. Doch auf dieser geringen Menge an Seiten qualitativ die wichtigsten Aspekte unterzubringen, die notwendigerweise vorkommenden Verkürzungen und Pauschalisierungen ausgeglichen zu gestalten, das sind hohe Anforderungen einer Schriftenreihe wie Beck-Wissen, deren Ziel es ist, Informationen und Tendenzen der Forschung, von Fachwissenschaftlern verfaßt, in zusammenfassender Perspektive offenzulegen.  Die beiden historisch Hochschullehrenden Walter Demel und Sylvia Schraut haben nun in dieser Reihe des Münchener Beckverlages den Band „Der Deutsche Adel. Lebensformen und Geschichte“ publiziert (München 2014, erwerbbar zum Preis von 8,95 Euro, ISBN: 978-3-406-66704-6). 

Schon im ersten Kapitel revidieren sie ihren Buchtitel und stellen dar, wie problematisch es ist, von „einem deutschen Adel“ zu sprechen, unterschied sich dieser doch sowohl in Fragen des Territoriums, des Landbesitzes, der Konfession und der politischen Teilhabe stark voneinander in den einzelnen deutschen Ländern und Regionen. Die große Heterogenität „des Adels“ macht es daher schwierig, allgemeine Aussagen „über ihn“ zu treffen. Doch erliegen die Verfassenden des Buches dieser Versuchung nicht. Eindeutige und kontingenzreduzierte Aussagen sind von ihnen daher nicht zu erwarten, keine plakativen Meinungen und Verurteilungen, sondern immer die lobenswerte Schilderung vieler Aspekte bestimmter Phänomene - so z.B. über zugleich beobachtbaren Widerstand der einen Vertreter des Adels gegen den Nationalsozialismus und auch die Anpassung und Unterstützung von Hitlers Ideengebäude seitens anderer Adelsvertreter. 

Dies alles auf eben nur wenigen Seiten multiperspektivisch geschildert zu haben, muß den Verfassenden als Lob angerechnet werden. Sie gliedern ihre Darlegungen, verfaßt im Stil einer strukturübergreifenden Meistererzählung, in vier Teile, die nur in Teilen chronologisch sortiert sind.
Meistens geht es ihnen vielmehr anstatt um eine Abfolge von Ereignisschilderungen um typische Bereiche ehemaligen adeligen Seins, also um Ehre, Herrschaft, Vermögen oder Heiratsstrategien. Erst der letzte und vierte Teil behandelt chronologisch die Situation in der eigentlich „postadeligen“ Zeit, bei denen nur noch die Gruppe ehemaligen historischen Adels, mithin auf kultureller Ebene, betrachtet wird. Diese Betrachtungen reichen bis zur deutschen Wiedervereinigung von 1990 und dieses Jahr wird von Demel und Schraut als Zäsurjahr beschrieben, indem der Adel ab diesem Jahr als eine nunmehr „unwiederbringlich verlorene Welt“ bezeichnet wird.  Warum dies ausgerechnet mit dem Jahr 1990 der Fall sein soll (man könnte auch argumentieren, daß etliche Wiedereinrichter auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ansässig wurden und also alte Traditionen fortsetzen oder, daß bereits mit 1945 und dem Verlust des Grundbesitzes im Osten der Tod des Adels als priviligierter „Stand“ eingetreten sei), steht unbeantwortet im Raum. 

Trotzdem ist das Werk, so komprimiert auch die Schilderung ausfallen mußte, für alle diejenigen Leser*Innen zu empfehlen, die sich als Fachfremde oder auch als Student*Innen, einen ersten Überblick zum Thema verschaffen wollen. Der Gang der Untersuchung ist ein, so scheint es, stetiger Kampf „des Adels“ um Selbstbehauptung, da er in seiner mehrhundertjährigen Existenz fortwährend von Krisen zwischen Spätmittelalter, Reformation, Aufklärung, Konstitutionalismus und deutschen Revolutionen (1848 und 1918) gefährdet war. Damit vertreten Demel und Schraut die These, die Geschichte des Adels in deutschen Ländern sei ein Kampf gegen einen sukzessive auf ihn einwirkenden politischen und gesellschaftlichen Bedeutungsschwund gewesen. Diese Sichtweise scheint, betrachtet man sich die weitgehend gleichen Aufgaben des Adels in einer sich in der Formierung der Moderne massiv wandelnden Gesellschaft, recht realistisch zu sein. In diesem Falle wäre ein jahrhundertelang währende mangelnde Reformwilligkeit des Adels der Grund seines Unterganges. Das Kleben an Privilegien und ihre hartnäckige Verteidigung hätten somit insgesamt zu seinem Untergang beigetragen. 

Zugleich gilt aber, daß doch wohl nicht zuletzt die adelige Bereitschaft sich anzupassen mit dazu beigetragen hat, „den Adel“, im Grunde nur eine Funktionsschicht der Ständegesellschaft, heute als Subkultur überleben zu lassen, mit allen positiven wie auch negativen Konsequenzen. Dasselbe freilich könnte man vom Bürgertum, den Arbeitern oder dem Klerus sagen. Sicher ist dagegen: Nicht nur 1902 wurde in dem Mildenbergprozeß deutlich, daß Adel außerhalb seiner realen Existenz auch eine ontoformative Existenz führt, eine Existenz in den sprachlich artikulierten Vorstellungen eines Wirklichkeit erschaffenden Diskurses der öffentlichen Meinung, eines Diskurses, der „Adel“ als aristokratische Idee weiterhin aktuell und lebendig erhält. 

Den historischen Wurzeln dieses aktuellen Denkens, dem ehemaligen realen Adel als Stand und Erinnerungsgemeinschaft, haben Demel und Schraut sensibel, aber doch mit der nötigen wissenschaftlichen Kühlheit und Distanz in ihrem empfehlenswerten Bändchen nachgespürt.

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill, B.A.

Annotationen:

  • [1] = Zu diesem Folgeprozeß schrieb die Bozner Nachrichten und Allgemeiner Anzeiger (Bozen), Ausgabe Nr.33 vom 11. Februar 1903, Seite 6: "Interessante Neuigkeiten. Ein Monstre-Prozeß in Adelsmacherei. Aus Prag wird von gestern gemeldet: Vor dem sogenannten Adelssenate des hiesigen Strafgerichtes, vor welchem bisher die Adelsprozesse gegen den Genealogen Alois Müller v. Mildenberg, den gewesenen Bezirkshauptmann Anton Peter Ritter Schlachta v. Wssehrsky, den Notar Dr. Anton Ritter Ruzek v. Rowna und den Landesausschußbeamten Adalbert Ritter Kral v. Dobrawoda abgewickelt wurden, beginnt heute die auf drei Wochen anberaumte Verhandlung gegen den Meister in der genealogischen Fälschung, den Heraldiker Josef Meztsky. Ihm werden nicht weniger als 61 Fälschungen in Matriken, Grund- und Stadtbüchern der böhmischen Landtafel zur Last gelegt, zu dem Zwecke begangen, um vermögenden Leuten den angeblich ererbten alten Adel zu beschaffen. Daß sein Geschäft gut ging, erhellt daraus, daß er in fünf Jahren nahezu 60.000 Kronen verdiente; denn gelang es ihm, Jemanden adelig zu machen, ließ er sich ein fettes Honorar auszahlen. Außer der Fälschung öffentlicher Urkunden wird er sich auch wegen Verbrechens der Verleumdung zu rechtfertigen haben. In einem direkt an den Kai ser gerichteten Schreiben beschuldigte er nämlich unter Anderem auch den tschechischen Landsmannminister Dr. Rezek der Fälschung von Quaternen in der böhmischen Landtafel. In dem Prozesse sind viele Zeugen vorgeladen, darunter auch Minister Dr. Rezek; weiter werden der Verhandlung Sachverständige im paläographischen und chemischen Fache beiwohnen. Die Anklageschrift ist 230 Bogenseiten stark. Den Vorsitz wird Oberlandesgerichtsrath Stolla führen, die Anklage Staatsanwalt Blattny vertreten."
  • [2] = Brixener Chronik (Brixen), Ausgabe Nr.128 vom 30. Oktober 1902, Seite 6

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