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Feld- und Bruchsteinkirchen im Fläming

Besprechung eines Werkes des Berlin-Verlages Arno Spitz 1999

Auf den Menschen der Postmoderne üben Feld- und Bruchsteinkirchen stets eine besondere Wirkung aus. Sie wirken archaisch in ihrer groben Bauart, die aber doch ganz die hohe Kunstfertigkeit mediävistischer Bauleute kennzeichnet und unseren Tagen überliefert hat. Entgegen der industriellen und daher der konformen Massenfertigung von Ziegelsteinen sind Feld- und Bruchsteine immer noch ein Vermittler geblieben zwischen der Natur, aus der das steinerne Baumaterial der Kirchen entnommen wurde und der Kultur, der sie, in gewissem Maße bearbeitet, ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt haben. Sie transportieren für den Menschen Werte, die dieser ihnen beigelegt hat. In der Literaturgeschichte steht der Stein für das Erhabene, Gottheitliche und Schöne, für Standhaftigkeit, Weisheit und Fruchtbarkeit und in anderem Kontext, der hier bei den Kirchen indes nicht zutrifft, auch für Empfindungslosigkeit. [1] 

Was das Erhabene und Schöne, das Transzendente und scheinbar Unvergängliche solcher alter Bruchstein-Kirchen angeht, schrieb beispielsweise der Österreicher Eduard Breier in seinem illustrierten Roman Die beiden Grasel: „Mödering liegt an dem Bache gleichen Namens und hat nichts aufzuweisen als eine alte Kirche und einen steinernen Thurm, dem es jetzt seltsamlich vorkommen mag, von Eisenbahnen sprechen zu hören, während er in seiner Jugend die Kreuzfahrer bewunderte, die übers Meer zogen ohne Dampf, durch ganz Europa Propaganda machten ohne Druckerpresse, und das heilige Grab erobern wollten ohne Pulver.“[2] 

Auch Walther Scott macht auf die geradezu geheimnisvolle kulturelle Aufladung alter Bruchsteinkirchen aufmerksam, wenn er in seinem Roman Peveril von 1824 einen Handlungsort, das fiktive Schloß Holm-Peel, beschreibt. Aber deutlich wird auch, welche visuelle Wirkung Bruchsteine in Verbindung mit jüngeren Verarbeitungstechniken spielen: „Außer der Burg selber gab es dort zwey Cathedralen, von denen die altere dem heiligen Patrick, die spätere aber dem heiligen Germain geweihet war; außerdem zwey kleinere Kirchen, was alles schon zu damaliger Zeit mehr oder weniger verfallen war. Die theilweise eingestürzten Mauern, nach der rohen und massiven Bauart der entferntesten Vergangenheit aufgeführt, bestanden aus einem grauen Bruchstein, der einen auffallenden Contrast mit dem hellrothen Quaderstein bildete, aus welchem die Fensterräume, die Ecksteine, die Schwibbögen und andere Ausschmückungen des Gebäudes bestanden.“ [3]

Aber die Literatur kennt auch Fälle, in denen Bruchsteinkirchen als anachronistische Mittel benutzt werden, die das Verfallene und Rückwärtsgewandte symbolisieren sollen. So heißt es bei  Fanny Lewald in einem ihrer Romane aus dem Jahre 1866: „Die protestantische Kirche in Neudorf sei immer ein jämmerlicher Bau gewesen, aus Feldsteinen roh und elend zusammengefügt, der hölzerne Thurm seit lange dem Einsturze nahe. Innen hätten die Russen die Kirche arg verwüstet; sie sei danach, wie die Umstände der Gutsverwaltung es mit sich brachten, kaum auf das Notdürftigste hergestellt worden.“ [4]

Burchsteinkirchen sind aber darüber hinaus, abgesehen von diesen literarischen Interpretationen, baulich als geschlossene Räume, die die Umwelt exkludieren, indem sie Mauern besitzen, die einen abgeschlossenen Sakralraum erschaffen, in dem, abseits vom Alltag, der Gottheitsdienst des Menschen vollzogen werden kann, Stätten der Grenzziehung und Grenzüberwindung. In einem externalen Sinne grenzen Mauern die Außenwelt ab und schaffen Möglichkeiten zur Erfahrung von Innenwelten. [5] 

Dabei spielt die Grenzziehung durch die Kirchenmauer zunächst nur räumlich eine Rolle, dann aber auch, befindet man sich im Gebäude, primär auf geistig-seelischer Ebene. Die räumliche Grenzziehung ist notwendig, um eine innere Grenzüberwindung zwischen Mensch und Gottheit zu vollziehen. Auch die Kirchenmauer, also die Art der Abgrenzung, hat hier ihre je spezifische Bedeutung im Sakralraum und dadurch auch im Sakralraumerleben. Der Feld- und Bruchstein als Baumaterial, nur verbunden mit Mörtel, nicht verputzt, betont besonders die Verbindung zur Natur und zu den Geisteskräften der Natur, wird also, da das Dorf als Lebensform ohnehin der Natur näher steht als die Stadt,  eine innigere Natur-Kulturverbindung eingehen können als eine aus Ziegelsteinen gefertigte oder gar verputzte sakrale Grenzziehung. Daher kann sich der postmoderne Mensch auch selten der Faszination von Feld- und Bruchsteinkirchen entziehen. Derart gebaute Kirchen befinden sich noch in Masse als deutsches Kulturgut beispielsweise im Fläming, dem Landstrich, der territoriale Teile in Brandenburg und Sachsen-Anhalt einnimmt.

Hillert Ibbeken hat es 1999 unternommen, ihnen textlich und bildlich ein Denkmal nach Art der Messtischphotographie zu setzen: Er portraitiert photographisch die Kirchen mit einer Spezialkamera, die die natürlicherweise entstehende Verzerrung der Perspektive durch eine spezielle Aufnahmetechnik verhindert. Außerdem hat Ibbeken drauf geachtet, daß die jeweiligen heiligen Gebäude, sei es von innen oder von außen, ohne störende und ablenkende Einflüsse (das heißt in diesem Falle: Menschen) abzubilden. Dies verleiht den Bildern eine gewisse Stille, die bei der Betrachtung ästhetischen Wert besitzt und ausstrahlt. Die Bilder wurden alle 1997 gemacht, stellen also an sich bereits wieder historische Aufnahmen dar, dokumentieren jedoch die reiche mittelalterlichen Baukunstzeugen des Fläming, die, neben wenigen Burgen, vor allem aus christizistischen Kirchen bestehen. 

Geteilt ist der Band in zwei Teile. Der erste Teil ist der Texteil und er enthält neben einem Vorwort (Seite 7) eine doppelseitige Karte aller behandelten Kirchen des Fläming (Seite 8-9), einen Aufsatz über die geologische Geschichte der Feld- und Bruchsteine (Seite 10-13) mit geographischer Analyse des Flämings, eine Abhandlung über den Fläming im Mittelalter als Herrschafts- und Siedlungsraum (Seite 14-20), dann einen bebilderten Aufsatz über die Kulturgeschichte der Feld- und Bruchsteine (Seite 21-28), einen Beitrag zum Bauplan der Kirchen und ihrem Innern (Seite 29-32), anschließend einen Aufsatz über die kunstgeschichtlichen Aspekte dieser Kirchen (Seite 34-37) sowie abschließend einige Bemerkungen zur Ablichtungstechnik (Seite 33). Der zweite und Hauptteil des Buches beinhaltet dann die Photographien (Seite 40-240), versehen jeweils mit kurzen fachkundigen architektonischen Bemerkungen zur Bauweise, gelegentlich auch zu Details der Kirchenbauten, etwa, wenn besonders interessante Bauweisen oder Bearbeitungen von Feld- und Bruchsteinmaterial zu erkennen sind. 

Interessant sind fernerhin die Ergebnisse der Untersuchungen zu den Bauformen der Kirchen im Fläming. Demnach kann man die Kirchen in acht Bautypen einteilen (Seite 30), deren prägendste die des Chorquadratbaus mit Apsis und dem schlichten Rechteckbau sind. Das heißt, das die besonders schlichten (z.B. Kossin) wie auch die mittelmäßig aufwendig gebauten Kirchen (z.B. Luko) im Fläming überwiegen.

Diese und viele weitere Erkenntnisse hat Ibbeken zusammengetragen. Weiters hat er den alten Kirchen des Fläming mit diesem kleinen Werk6 ein würdiges Denkmal erhaltenswerter Kulturdenkmale geschaffen, um so auf ihre Vielfalt und ihre Bedeutung aufmerksam zu machen. Der Band wendet sich somit nicht nur an Heimatforscher, Architekten, Architekturhistoriker, Arichtekturpsychologen, sondern auch an Kulturwissenschaftler, Geologen, Theologen und andere Geisteswissenschaftler, aber auch an jeden Interessierten, der persönliche Besuche im Fläming plant und etwas tiefer einsteigen möchte in die Geschichte dieser baulichen Kleinode des Mittelalters, von denen immer noch und wohl wegen ihres groben Baues ein eigentümlicher Glanz ausgeht, der Kontinuität und Festigkeit ausstrahlt, gerade in einer Zeit stetigen Wandels, welche die Postmoderne des XXI. Centenariums prägt.

Diese Rezension, verfaßt von Claus Heinrich Bill, erschien zuerst gedruckt in der Zeitschrift Nobilitas für deutsche Adelsforschung, Sonderburg 2011, Folge 67.

Annotationen:

  • [1] = Günter Butzer & Joachim Jacob (Herausgebende): Metzler Lexikon literarischer Symbole, Stuttgart & Weimar 2008, Seite 366-367
  • [2] = Eduard Breier: Die beiden Grasel, Band III., Wien 1861, Seite 84
  • [3] = Julius Körner (Übersetzer): Peveril. Eine romantische Erzählung vom Verfasser des Waverley, Band II. (zugleich  Band LXV. der Schriftenreihe „Walthers Scott´s Romane“), Zwickau 1824, Seite 135
  • [4] = Fanny Lewald: Von Geschlecht zu Geschlecht, Zweite Abteilung, Band IV. (Der Emporkömmling), Berlin 1866, Seite 247
  • [5] = Siehe dazu Harald Jordan: Räume der Kraft schaffen. Der westliche Weg ganzheitlichen Wohnens und Bauens, Freiburg im Breisgau 3.Auflage 1998, Seite 53

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