Institut Deutsche Adelsforschung
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Sich der selbst verschuldeten Unmündigkeit entledigen 

Anmerkungen zum Handbuch Europäische Aufklärung 

Im Jahre 1794 veröffentlichte eine norddeutsche Zeitung ein anonymes Gedicht mit dem Titel „Wunsch des Weisen“, der auf die Diametralität zwischen Religion und Säkularisation aufmerksam machte und sich anschickte, die rationale Aufklärung zugunsten des christlichen Gottesglaubens zu diskreditieren. Darin heißt es mithilfe einer umgekehrten Lichtmetaphorik eines `Lumen naturale´: 
 

  • „Brich hervor du heitres Licht, wahrer aufgeklärter Morgen, sey uns länger nicht verborgen, zeig dich unserm Angesicht! Brich hervor du heitres Licht. Finsterniß umhüllt die Welt, und ihr wird es immer helle, wenn es bey der trüben Quelle Ihrer Seele wohlgefällt. Finsterniß umhüllt die Welt. 
  • Dunkler menschlicher Verstand, immer weilst du noch von weiten, von den aufgeklärten Zeiten, die die Wahrheit anerkannt. Dunkler menschlicher Verstand. Thörichte Philosophie, die den Blick vom Lichte kehret, und uns Wahn und Irrthum lehret. Du verscheuchst den Schatten nie. Thörichte Philosophie. Strebet nach der Weisheit Spur, O ihr, meine Erdenbrüder! Diese kommt vom Himmel nieder von dem Vater der Natur. Strebet der Weisheit Spur: 
  • Dieses großen Vaters Sohn leuchtet uns in voller Klarheit, zu dem Pfad zum Ziel der Wahrheit; Mitternacht und Nebel stöhn´ vor dem großen Himmels Sohn. Immer wankt der Thor zurück von der Klarheit hellen Schimmer; Nacht und Nebel werden schlimmer vor des Weisen Thränenblick. Wahre Weisheit wankt zurück. Brich hervor du heitres Licht, wahrer aufgeklärter Morgen! Bleibe länger nicht verborgen. Zeig dich unserm Angesicht: Brich hervor du heitres Licht!“ [Hamburger Nachrichten vom 7. März 1794, Seite 2]
Der hier in literarischer Verarbeitung angedeutete Kampf sollte indes nicht nur die norddeutsche Zeitung beschäftigen, vielmehr war sie Ausdruck einer Auseinandersetzung und Entwicklung, die wesentlich das Europa des XVIII. und XIX. Jahrhunderts mitbestimmte. Auch in der Forschung ist die europäische Aufklärung weit rezipiert worden, wenngleich oft nur in Nationalgrenzen oder auch solche bezogen. Die französische Aufklärung oder die deutsche Aufklärung sind hier geographische Einheiten gewesen, in denen geforscht wurde. Diese Ansätze sind nicht verkehrt gewesen, sondern notwendig für eine Zeit, in der die Forschung noch wenig weit entwickelt gewesen ist. Dies ist im XXI. Jahrhundert jedoch grundlegend anders. 

Ist doch nicht zuletzt die Aufklärung eines der geistigen Grundfundamente, auf denen sich moderne westliche und europäische Gesellschaften konstituieren und in ihrem Selbstverständnis auch perpetuiert haben. Noch immer gehört „die Aufklärung“ im Singular  zum Fundament demokratischer Staaten – laizistischer allemal. Es ist nun die Zeit der Forschungssynthesen, die nicht nur a conto des breit gefächerten Forschungsstandes, sondern auch wegen der zunehmenden Globalisierung der Welt angebracht erscheinen. 

Dieser Forderung kommt das nun neu erschienene „Handbuch Europäische Aufklärung“ (Metzlerverlag Stuttgart 2015) in mustergültiger Weise nach, indem es in einem halben Hundert von konzisen Einzelabhandlungen ein buntes Kaleidoskop wichtiger Themen dieser Forschung aufgreift, im Überblick darstellt, den Forschungsstand referiert und wichtige Literaturhinweise gibt. 

Daher eignet sich das in der bewährten Handbuchqualität des Stuttgarter Verlages Metzler herausgegebene Werk, welches unter der Herausgeberschaft des emeritierten Romanisten Heinz Thoma steht, gut dafür, Begriffe, Konzepte und Wirkungen des genannten Untersuchungsfeldes darzustellen. Das Besondere an den einzelnen Artikeln ist dabei ihre zeitliche Anlage, weil diese stets auf Vorläufer, Kerngedanken und Nachfolger eingeht, also eine chronologische Verankerung anbietet, die das Handbuch vielfältig nicht nur für Frühneuzeitforscher, sondern auch für Mediävist*Innen als auch für Zeitgeschichtlicher*Innen nützlich macht. 

Ein detailliertes Sach- und Personenregister verweist außerdem auf nur implizit vorkommende entsprechende Entitäten, die sonst über die alphabetisch aufsteigend sortierten 50 Lemmata von `Adel´ bis `Zensur´ nicht zu finden wären. Eingegangen wird zudem auch auf die Ambivalenzen der Aufklärung, die – ganz im Gegensatz zum Inhalt und Sinn des eingangs zitierten Gedichtes – auch andere Aspekte besaß. So werden ebenso die rassistischen und kolonialistischen Anlagen der Aufklärung aufmerksam beleuchtet, wie sie jüngst auch Andres Pecar und Damian Tricoire in ihrem Werk `Falsche Freunde. War die Aufklärung wirklich die Geburtsstunde der Moderne?´ (Frankfurt am Main 2015) pointiert herausgearbeitet haben.

Der 608 Seiten starke und engbedruckte Band kostet 79,95 Euro, faßt den derzeitigen Forschungsstand hervorragend zusammen und sollte als Orientierung und Grundlage eigener Forschungen immer zu Rate gezogen werden, damit dann auch den Forschenden selbst jenes Gegenstück zum `Lumen naturale´ – das `Lumen rationale´ – leuchtet, das einen anderen `heiteren Morgen´ einer profanen und daher nicht sakralen Erkenntnis umschreibt. Als immaterielles Zündholz für dieses Licht sind die Ausführungen im vorliegenden Handbuch, das Artikel von Wissenschaftler*Innen und Fachleuten aus 14 Disziplinen an einem Ort versammelt, eine überaus wertvolle Handreichung. 

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.


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