Institut Deutsche Adelsforschung
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Mentefaktisierung von Alltagsartefakten des Adels und Bürgertums

Einblick in die Bestände des Berliner Stadtmuseums 

In der 1850 in einer österreichischen Zeitung erschienenen Fortsetzungsnovelle „Die grauen Schwestern“ ließ der anonyme Verfasser – oder die anonyme Verfasserin – eine der Hauptfiguren, die den Namen Scholastika trug, auftreten. Entworfen wurde dabei mit detaillierten Deskriptionen des zu Sehenden ein literarisches Bild, das sich in den Köpfen der Lesenden per Transformation der Sprache zu visuellen Bildern der Vorstellungswelt und Imagination verdichten sollte: 

„In einem Zimmer, das gleich auf den ersten Blick für die Studierstube eines Gelehrten gehalten werden mußte, befanden sich zwei Personen in eifriger Beschäftigung: ein älterer Mann und ein junges Mädchen. Es war der Professor der Botanik, Ephraim Böhmer, und seine Tochter Scholastika. Sie waren damit beschäftigt, Pflanzen zu sortiren und zu pressen. An den Wänden dieses Zimmers liefen Regale und Repositorien bis zur Decke hinauf, alle gefüllt mit Papieren, dazwischen getrocknete Moose, Flechten und Blumen, so wie deren Analysen ausführlich niedergeschrieben. An den schmalen Holzgittern, welche das Fachwerk abtheilten, klebten weiße Zettel, auf denen die lateinischen Namen der Pflanzen notirt waren. 

Eine Treppenleiter, die auf leichte Weise transportabel war, wurde bald vom Vater, bald von der Tochter bestiegen, und beide waren mit dem Inhalt ihrer grünen Blechtrommel und dessen künftigen Aufenthaltsräumen so beschäftigt, daß sie das mehrmalige Klopfen an ihre Zimmerthür überhört hatten und sehr verwundert die Köpfe derselben zuwandten, als diese jetzt geöffnet wurde und ein fremder junger Mann eintrat. Dieser mochte wohl nicht weniger von dem Anblicke, der sich ihm darbot, überrascht sein, als die Bewohner des Zimmers von dem seinen. Scholastika stand eben auf der Zinne ihrer Treppenleiter; der Anzug, in dem sie sich befand, war sehr ungewöhnlicher Art. Sie trug Pantalons [1] und ein kurzes Ueberkleid von ungebleichter Leinwand, Lederstiefelchen mit Absätzen und einen runden, aus Borten geflochtenen Strohhut, auf welchem keck ein Busch Feldblumen thronte; über ihrer Schulter hing an einem breiten Bande die grüne Botanisirtrommel. Der Professor war in ähnlicher Weise gekleidet, in grauen Kittel mit Strohhut und Blechtrommel.

Der junge Mann ließ seine Blicke von Tochter zu Vater wandern, und sagte dann bescheiden: er irre wohl nicht, wenn er vermuthe, den Professor Böhmer vor sich zu sehen, dessen Name einen so schönen Klang in der Welt der Gelehrten habe. Er sei Student der Medizin, erst seit wenigen Tagen hier, um Kollegia zu hören, und stünde jetzt in diesem Zimmer, um sich dem vortragenden Professor vorzustellen und zu empfehlen [...] Scholastika hatte diesen Blick bemerkt, sie war während der Unterhaltung der beiden Männer von ihrer Leiter herabgekommen und räumte einige Folianten bei Seite. [...] `Sie müssen sich nicht wundern, alles hier von Büchern bedeckt zu finden,´ sagte der Professor, `aber wir sehen selten andere Gesellschaften als diese bei uns. Auch sind wir eben von einem Ausfluge zurückgekehrt und hatten unsern guten Freunden viel von unsern Erlebnissen mitzutheilen. Sie werden bemerkt haben, daß wir uns in einem Wanderkostum befinden. Scholastika hatte ihren runden Strohhut abgenommen und eine Fülle glänzend braunen Haares, das in dicken Flechten aufgerollt war, enthüllt. Auch ihr jetzt unbeschattetes Gesicht mußte der junge Mann bewundern. Obgleich von der Sonne gebräunt, war Scholastikas Teint doch von durchsichtiger Reinheit, so wie der Ausdruck ihres Auges und jede ihrer Mienen diese Klarheit bekundeten. Sie ist durchsichtig wie Kyrstall und fest wie Eisen! hatte der Vater einmal still zu sich selbst von ihr gesagt, sie ist eine Lilie für den Reinen und eine Nessel für den Verführer!“ [2]

Dieser Auszug aus der Novelle, mit dem es hier sein Bewenden haben soll, erscheint indes als ein typisch literarisches Werk des 19. Jahrhunderts, als ein Mittel der sozialen und gesellschaftlichen Selbstverständigung des Bürgertums als aufstrebende Gesellschaftsschicht mit wachsendem Partizipationsanspruch gegenüber Bauerntum und Adelsschicht. 

Böhmer und seine Tochter können dabei als Chiffre dieser Selbstbewußtwerdung des Bürgertums gesehen werden, wie sie von Jürgen Habermas einst deutlich beschrieben worden ist. [3] Es war eine Form der Formierung der europäischen Moderne, die sich in dieser Beschäftigung Böhmers, der Aneignung des sozialen, ökonomischen, des tabuisiert sexuellen, aber offen romantisch gefärbten und nicht zuletzt auch des natürlichen und ökologischen Raumes in literarischer Sprache verdichtete. Und diese Verdichtung findet sich auch in allen diesen Anklängen des Novellenextraktes niedergelegt. Die sich anbahnende romantische Liebesgeschichte zwischen dem medizinischen Studiosus und der Tochter Scholastika Böhmer (der Name war möglicherweise nicht zufällig als Ironisierung der Scholastik als einer geschlossenen Systemlehre ohne Weitsicht angelegt) läßt erahnen, zugleich aber auch ersehen, welche Refugien sich das Bürgertum schuf, um sich über sich selbst zu verständigen. 

Auch wenn Böhmer als Botanikprofessor eine Profession aus seiner Beschäftigung gemacht hatte, so läßt sich doch nicht übersehen, daß das Botanisieren – die Aneignung der Natur durch Erjagen von Insekten und das Sammeln, Kategorisieren und Pressen von Pflanzenteilen auf Herbarbögen – eine genuin bürgerliche Beschäftigung gewesen ist. Denn Adelige machten im Allgemeinen Entdeckungen von Inseln und ganzen Ländern, Bürgerliche widmeten sich dem Entdecken der kleinen Entitäten der Natur. Diese Ziele der Entdeckerlust waren indes kulturgebunden. Und besieht man sich die historische Welt nach Volksmanns kultursemiotischem Faktenmodell, so unterscheidet Volkmann Artefakte, Mentefakte und Soziofakte, und in diese drei Fakte kann Kultur untergliedert werden. [4] 

Explizit angesprochen wurden indes in der Novelle nur Soziofakte (Böhmer, Scholastika, Student) und Artefakte (Zimmer, dessen Ausstattung, Kleider, Botanisiertrommel, Pflanzen), implizit aber nur die Mentefakte dazu, die freilich Habermas in seinem erwähnten – nun auch schon historischen – Klassiker herausgearbeitet hat. Mit Volksmanns Einteilung wird deutlich, daß Kultur stets durch diese drei Aspekte gebildet wird, alle drei Faktoren sind demnach auch untrennbar voneinander sowie miteinander verbunden und repräsentieren zusammen eine Kulturform. 

Dies leitet über zu der hohen Bedeutung auch von Artefakten, die heute traditionell von Museen beherbergt werden. Diese Artefakte, die in aller Regel vergangenen Zeitläuften entstammen, lassen den Sinn ihrer Verwendung nicht immer gleich erkennen. Denn sie werden bisweilen wohl als etwas Fremdes und Irritierendes, auch Skurril-Absurdes wahrgenommen. Sie scheinen aus der Zeit gefallen, sie müssen erst sinnvoll jeweils rückgebunden werden, zurückgebunden an die –mittlerweile aufgehobenen – mentefaktischen wie soziofaktischen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung, die mit der Zeit verloren gegangen sind. 

Klassischerweise ist diese Rückbindung die Aufgabe der Museologie. Vorbildlich gelöst haben diesen Anspruch der Rückvermittlung fehlender personeller wie gedanklicher Bezüge die Berliner Stadtmuseen, die unter der Herausgeberin Franziska Nentwig (Musikwissenschaftlerin und zwischen 2006 und 2014 Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin) zwei kleine Büchlein in ihrer Reihe „Das Museum in der Tasche“ herausgegeben haben, die hier vorzustellen sind. In ihnen wird unter anderem auch die Botanisiertrommel, die in der erwähnten Novelle als genuin bürgerliches Artefakt eine nicht unbedeutende Rolle im literarischen Setting spielte, vorgestellt. 

Auf jeweils einer Doppelseite (einmal Text, einmal Bild) der beiden Werke „ABC Berliner Alltagsdinge. Nützliches aus vergangenen Tagen“ sowie „ABC Berliner Luxusgüter. Feinste Waren aus dem 18. und 19. Jahrhundert“, beide erschienen in Berlin im „Verlag M – Stadtmuseum Berlin“ im Jahre 2014 (und erwerbbar für je 6,90 Euro) werden jeweils rund 40 Artefakte vorgestellt, deren Sinnzusammenhang sich oft nicht unmittelbar ergibt: Myrioramen, [5] Schusterkugeln, Haussegen, Bettpfannen, Löschsand und Fischeimer gehören ebenso dazu wie Justeaucorps, Skelettuhren, Freundschaftstassen und Flohfallen. Diese wie jene waren indes nicht nur schlichte Alltagsgegenstände der Benutzung bei Bauern, beim Bürgertum und Adel, sondern je nach Ausfertigung immer auch artefaktische Ausdrucksmittel ständischer, sozialer und gesellschaftlicher Selbstbehauptung. So wird denn auch in den beiden besprochenen Bänden versucht, heutigen Leser*Innen den mentefaktischen Inhalt der durchgehend in Farbe abgebildeten und jeweils vor weißem Hintergrund freigestellten Artefaktabbildungen in den jeweils beigefügten knappen Texten, die über fakultativ einsehbare Litraturhinweise am Ende jedes Werkes verstärkt werden, nahe zu bringen. 

Daß dieser Versuch weniger in wissenschaftlicher Manier, sondern mehr auf unterhaltende und im positiven Sinne aber auch belehrende Art geschieht, ist sicherlich der Zielgruppe der beiden Bände zu verdanken, die in einem breiten nichtwissenschaftlichen Publikum zu suchen ist. Insofern können die Bände als gelungene Präsentation von Artefakten gelten, deren sozio- wie mentefaktische Kontextualisierung museumspädagogische Anreize schafft, die bewußt mit dem xenologischen Moment der abgebildeten Gegenstände spielt. Irritationen des Gewohnten lösen immer auch Aufmerksamkeiten aus und versprechen insofern in einem Sammelsurium und Konglomerat ungezählter Möglichkeiten eine mehr oder minder sichere Aufmerksamkeitsökonmie. 

Die beiden Bände eignen sich daher vor allem für einen begleitenden Ausstellungsbesuch der Berliner Stadtmuseen als auch eine Vor- oder Nachbereitung eines solchen Besuches. Sie dürfen indes aber auch als Impulsgeber für eigene kulturhistorische und wissenschaftliche Forschungen gelten, nicht zuletzt weil nach Volkmanns kultursemiotischem Modell Gegenstände des Alltags, seien sie nun profan oder luxuriös, stets auch mentefaktische und soziofaktische Bezüge aufweisen und nicht isoliert betrachtet werden können. Eine Fülle derartiger Gegenstände stellen die Bände in Wort und Bild vor, so daß sich hier noch etliche Forschungspossibilitäten über vermeintlich abgelegte Artefakte vergangener Jahrhunderte zu einem Kaleidoskop verflossener Wirklichkeiten und Wahrnehmungen eröffnen können. 

Dies gilt nicht zuletzt auch für eine noch ausstehende Geschichte der Botanisiertrommel, die eingangs in der Novelle vorgestellt wurde. Sie diente eben nicht nur dem Zeitvertreib dezidiert bürgerlicher Kinder und Erwachsener, sondern auch der bürgerlichen Erziehung und Herstellung spezifischer Standesvorstellungen in einer Zeit der Formierung der Moderne, in der Adel und Bürgertum – vorwiegend im 18. und 19. Jahrhundert – um Macht und Ansehen rangen. Es mag daher auch kein Zufall sein, daß, wie der Beitrag über die Trommel in dem Band zeigt, vor allem antike Motive auf derlei Trommeln abgebildet waren. Denn nicht zuletzt das Bürgertum definierte sich in seiner Formierungsphase namentlich über die Rezeption der Antike zu einem neuen Ideal des Menschseins. 

Und dieses Lebens- und Strebensgefühl fand auch in der Bedruckung der Botanisiertrommel seinen Ausdruck, ganz abgesehen davon, daß damit im gegenständlichen wie metaphorischen Sinne eine Einverleibung (und damit Beherrschung) von Natur verbunden war, eine Klassifikation wie auch eine Ordnungsstiftung symbolisiert werden konnte. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß Botanisiertrommeln und Herbarien als begleitendes Artefakt des in der Natur umherstreifenden Bürgers zum Standardrepertoire des 19. Jahrhunderts zählte. Zu diesen – und vielen weiteren – Überlegungen anzuregen, ist das Verdienst der beiden besprochenen Bände. 

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill, B.A.

Annotationen: 

  • [1] = Hieraus dürfte die einführende Bezeichnung „ungewöhnlich“ herleiten, da es um 1850 vollkommen unüblich war, daß Frauen Hosen trugen.
  • [2] = Nomen Nescio: Die grauen Schwestern, in: M. G. Saphir (Hg.): Der Humorist und Wiener Punch (Wien), Jahrgang XIV., Ausgabe Nr. 7 vom 8. Jänner 1850, Seite 25
  • [3] = Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main 13.Auflage 2013
  • [4] = Zur Faktenaufteilung in Kulturen (Soziofakte, Mentefakte, Artefakte) siehe das kultusemiotische Modell von Laurenz Volkmann: Die Vermittlung kulturwissenschaftlicher Inhalte und Methoden, in: Klaus Sierstorfer / Laurenz Volkmann (Herausgebende): Kulturwissenschaft interdisziplinär, Tübingen 2005, Seite 279 
  • [5] = Dazu neuerdings ausführlich kulturwissenschaftlich Claus Heinrich Bill: Myriorama, in: Institut deutsche Adelsforschung (Hg.): Kulturwissenschaftliches Wörterbuch, Lieferung Nr. 6 (August 2015), Sønderborg på øen Als 2015, Seite 262-287

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