Institut Deutsche Adelsforschung
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Zur Theorie und Praxis der Kulturanalyse

Ein Weg aus dem Methodendschungel?

Die Beliebigkeit und Wahllosigkeit der cultural studies oder der Kulturwissenschaften - wir verwenden hier die beiden Begriffe synonym für allerlei Wissenschaften, deren Gemeinsamkeit bei aller Unterschiedlichkeit die Erforschung von Kulturen ist - ist oft ein Vorwurf, der von Traditionalisten und Fachspezialisten, die nur intradisziplinär denken, erhoben wird, wenn es um diesen neuen Wissenschaftsblickwinkel geht. Und in der Tat war es bislang unmöglich, bei den vielfältigen Möglichkeiten, die die Kulturwissenschaften bieten, zu einem verbindlichen Kanon an Methoden und Theorien zu gelangen, die es Forschenden ermöglichen, grundlegende Fragen zu bearbeiten und zu beantworten. Zu unterschiedlich sind die Untersuchungsgegenstände der Kulturwissenschaften, als daß man sie mit Normmethoden alle gleichmäßig analysieren könnte. Hier wird die Kulturgeschichte des Baumes, dort die des Schwimmens oder dort die der Mausefalle untersucht. [1] 

Zu unvereinbar erscheint dabei der Untersuchungsgegenstand; hier ist es materiale Natur, dort eine mit Wasser verbundene menschliche und tierische Kulturpraktik, wiederum an anderem Ort das Verhältnis zweier Lebensformen, die oft in der Geschichte oft in Konkurrenz miteinander traten. Wie soll hier nach gleichen Methoden oder zumindest Grundüberlegungen untersucht werden? Tatsächlich gilt: Je nach Erkenntnisinteresse der Forschenden können hier personale Netzwerkanalysen sinnvoll sein, dort aber die historischen Erzählformen oder die sozialpsychologsich fundierten Konstruktionen des Selbst von Bedeutung sein. Freilich gilt: Diese Unterschiedlichkeit in den Ansätzen und Gegenständen ist auch die Chance der Kulturwissenschaften, weil sie nicht streng reglementierte und vorgefertigte Muster abarbeiten muß, die rasch recht langweilig werden können und Gegenstände der Betrachtung einem Raster unterwerfen, mithin also die Praxis einer Theorie unterwerfen, die in immer gleicher Manier die Dinge der Welt einzuordnen sucht (z.B. die recht starre Erzähltheorie nach Genette oder Stanzel in den Literaturwissenschaften). Doch diese Chancen und dieser Methodenpluralismus kann auch ein Dilemma sein, mit dem die Kulturwissenschaften zu kämpfen haben. Welche Methoden können zugrunde gelegt werden, warum entscheiden sich Forschende für die eine und gegen die andere Art, den Gegenstand ihres Erkenntnisinteresses zu betrachten? 

Ansätze, um aus diesem Spannungsverhältnis heraus zu treten, gibt es indes zahlreich. [2] Dazu zählt auch das übergreifende Konzept der Frage, was Kultur ist und wie sie gefaßt und definiert werden kann, aber auch welche Modelle von wissenschaftlicher Qualität angewendet werden können, wenn Forschende kulturwissenschaftlich arbeiten möchten. Wäre es da - bei diesem eher unsicheren Feld - nicht verlockend, auf eine grundlegende Theorie zurückgreifen zu können, die auch den Studenten der Kulturwissenschaften als Nachwuchs gelehrt werden könnte? 

Eine Neuerscheinung von  2006 läßt da aufhorchen: Mieke Bal, geboren 1946, ihres Zeichens Professorin für Literaturtheorie an der Universität zu Amsterdam, die aber auch schon lange interdisziplinär arbeitet, hat dazu das Werk Kulturanalyse geschrieben, welches nun im Suhrkampverlag in deutscher Übersetzung als Taschenbuch mit 371 Seiten erschienen ist. Die in Deutschland noch eher unbekannte Niederländerin weckt damit große Hoffnungen. Man assoziiert damit zugleich ein klar umrissenes Methodenfeld, wie man es in der Literaturwissenschaft über die Dramenanalyse, Lyrikanalyse oder Narratologie kennt. Kann Bal diesen Vergleichen standhalten und vor allem: Was bietet sie als Kanon einer Kulturanalyse an? Das Buch verspricht in den Verlagsankündigungen neben methodischen Grundlagen auch Einzelfallanalysen zu liefern. Woraus bestehen nun diese Grundlagen? Welches Inventar besitzt die Balsche Kulturanalyse? Wird es mit ihr möglich, so differenzierte Forschungsbereiche die die Kulturgeschichte des Baumes, des Schwimmens oder der Mausefalle nach gleichen Prinzipien zu untersuchen? 

Bals Ansatz geht davon aus, daß Kulturen durch drei Faktoren bestimmbar seien: a) Begriffe, b) Intersubjektivität und c) kulturelle Prozesse (Seite 9 und 344). Zunächst plädiert Bal dafür, die Begriffe nicht als naturgegeben anzunehmen, sondern ihr wanderndes Eigenleben durch die Welt anzuerkennen und kritisch sowie distanziert zu untersuchen. Wir haben das bisher indes unter dem Terminus Begriffsklärung oder Definition auch in den etablierten Fachdisziplinen als unabänderliche Voraussetzung der Hantierung mit semiotisch aufgeladenen Phänomenen getan. Denn es ist ein Allgemeinplatz, daß Begriffe in keinem Zusammenhang mit dem Bezeichneten stehen, sondern lediglich ein Stellvertreter sind und verortet werden müssen. Der deutsche Baum ist in England ein tree, in der Türkei ein a?aç und in Frankreich ein arbre. Trotz unterschiedlicher Bezeichnung meinen alle Begriffe doch dasselbe: Sie nehmen aber nicht Bezug aufeinander, was allenfalls noch für die lautsprachliche Ähnlichkeit der türkischen und französichen Bezeichnung angenommen werden könnte.

Bal untersucht sodann detailliert die schriftlichen und expositionellen Äußerungen des amerikanischen Museums für Naturgeschichte in New York, indem sie Beschreibungen der Ausstellungsstücke oder Raumpläne des Museums visuell aufzeigt auf die Frage „Wer spricht?“ und „Was wird gesagt?“ hin befragt (Seite 72-116). Dabei kritisiert sie die Ausstellungen und namentlich die Darstellung der afrikanischen Völker als kolonialistisch (Seite 116). Ein weiteres Kapitel (Seite 117-145) widmet sich sodann der Narratologie oder den Formen des Erzählens sowie dem Kulturphänomen des Sammelns und des Fetischismus. Sie referiert ferner über Familienphotographien und Voyeurismus (Seite 146-177), indem sie anhand dieser Beispiele (u.a. betreffend Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1913 erstmals erschienen), die Fokalisation („Wer spricht?“) erneut hervorhebt und auch interessante assoziative Ausführungen über eine Theorie des Blicks und des Schauens aufstellt (Seite 148). Bal sieht Prousts Roman aber nun nicht etwa als ein Werk über Zeit, verlorene Zeit, erinnerte Zeit, Ablenkungen und mangelnden Durchsetzungswillen eines Künstlers an (erst am Ende schreibt der homodiegetische Erzähler seinen Roman, den er schon immer schreiben wollte), sondern als ein Werk über die Analogien des Photographischen und einer heimliche Darstellung lesbisch-homosexuellen Verlangens (Seite 148), also einer Abkehr von der männlichen Penetration („Kuschelsex“). 

Diese und weitere Ansätze legt Bal ausführlich dar; ein Instrumentarium zur Analyse von Kultur ist darin aber nicht zwangsläufig enthalten, lediglich eine Anleitung zum gedanklichen Überbau, der dem Modell des Strebens des Ideals der Weimarer Klassik folgt, der erstrebten Vereinigung des Stofftriebes mit dem Formtrieb, um mit Schiller zu sprechen. Bals Werk ist ein Werk des Nachdenkens über Kulturen und ihre Artefakte und kein Rezept zur Analyse von Kultur. Es läßt sich daher bemerken, daß Bals Werk eher eine Art Essaysammlung ist anstatt ein logisch aufeinander aufbauendes und in Kapitel gegliedertes stringent argumentierendes Buch. Das macht die Theorizität des Werkes etwas sperrig.

Ihre überaus lesenswerten und überdenkenswerten Überlegungen können nicht darüber hinweg täuschen, daß das Buch nicht halten kann, was es verspricht: Methoden zur Kulturanalyse liegen nur begrenzt und auf einem sehr abstrakten Niveau vor. Von den Untersuchungsmethoden ihres niederländischen Landsmannes Hofstede scheint Bal nichts gehört zu haben. Im Gegensatz zu Bal bietet Hofstede nämlich praktische Formeln an, mit denen man Kulturen untersuchen und über einen Vergleich untereinander in ihrem eigentlichen Habitus über die Fünfheit von Sozialschichtigkeit, Individualität, Genderität, Unsicherheitscoping und Fristendenken spezifizieren kann. [3] Als Fazit gilt daher: Bal bietet neue und lesenswerte Sichtweisen auf die Theorie der Kulturanalyse, gibt aber keine praktischen Modelle an die Hand, was aber der Begriff Kulturanalyse im Vergleich mit anderen Analyseformen, durchaus suggeriert. [4]

Diese Besprechung stammt von Claus Heinrich Bill und erschien zuerst in der Zeitschrift Nobilitas für deutsche Adelaforschung (2012).

Annotationen:

  • [1] = Dazu siehe Alexander Demandt: Über allen Wipfeln. Der Baum in der Kulturgeschichte, Köln 2002. Ferner Charles Sprawsom: Schwimmen. Eine Kulturgeschichte, München 2004. Sowie Wolfhard Klein: Mausetod! Die Kulturgeschichte der Mausefalle, Darmstadt 2011
  • [2] = Aleida Assmann: Introduction to cultural studies. Topics, concepts, issues, Berlin 2012. Sodann Stephan Conermann: Was ist Kulturwissenschaft? 10 Antworten aus den kleinen Fächern, Bielefeld 2012. Anschließend Jana Klawitter: Kulturwissenschaften digital. Neue Forschungsfragen und Methoden, Frankfurt am Main 2012. Oder Harun Maye & Leander Scholz (Herausgebende): Einführung in die Kulturwissenschaft, München 2011.  Ferner Claus Heinrich Bill: Adelsforschung als moderne Kulturwissenschaft. Methodologische Überlegungen zu einem offenen Kanon von Modellen und Theorien, in: Nobilitas. Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Jahrgang XIII., Folge 62, Sonderburg 2010, Seiten 126-139. Dann Klaus Sierstorfer & Laurenz Volkmann: Kulturwissenschaft interdisziplinär, Tübingen 2005. Schließlich Ansgar Nünning: Konzepte der Kulturwissenschaften, Stuttgart 2003.
  • [3] = Dazu Geert Hofstede & Gert Jan Hofstede: Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, München 5.Auflage 2011, Seite 30
  • [4] = Mieke Bal: Kulturanalyse, Suhrkampverlag, Band 1801 der Taschenbuchreihe, Frankfurt am Main 2006, 371 Seiten mit zahlreichen schwarz-weisen Abbildungen und 1 Literaturverzeichnis, Preis: 13,00 Euro

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