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Diese Website der Bibliothek für Polnische Adelskunde enthält Aufsätze und thematische Abhandlungen zur genealogischen Geschichte und zum vegleichenden Adelsrecht zwischen polnischer Szlachta und deutschem Adel:


Zur Polonisierung des westpreußischen Adels

I. Gedanken zu einem Grenzgebiet zwischen deutschem und polnischem Adel 1500-1900

Zu verschiedenen Zeiten, vom Ende des Mittelalters (1500) bis nach dem Dreißgjährigen Kriege (1648), ließen sich in Großpoen deutsche adelige Familien nach erworbenem Indigenat (Heimatrecht) nieder, von den bekannteren mögen die Namen v.Nostitz, v.Borcke, v.Brause, v.dem Borne, v.Oppeln und v.Prittwitz erwähnt werden. Die meisten der in Großpolen naturalisierten deutschen Familien sind in ihren polonisierten Zweigen erloschen, verschollen oder so in den eingeborenen Adel aufgegangen (nach ablegung des alten Namens und auch oft des Wappens), daß sie heutzutage gar nicht oder doch nur sehr schwer herauszufinden sind.

Anders lagen die Verhältnisse in Westpreußen, wo der polonisierte Adel noch bis 1918 sehr stark vorhanden war und dem Genealogen leichter erkennbar war.. Um die Erscheinung zu erklären, daß hier dem eingeborenen und dem polnischen Adel eine so reiche Verstärkung aus Deutschland zugeführt wurde, müssen wir einen kurzen Blick auf die Geschichte dieses Landes werfen.. mit dem deutschen Ritterorden zogen deutsches Recht und deutsche sitte in Westpreußen ein und bahnten deutscher Kultur den Weg. Während sich in den baltischen Staaten namentlich die westphälischen Adelsfamilien niederließen,, finden wir in Westpreußen Namen aus fast allen Teilen Deutschlands vor. Da der Deutsche Orden die Immigration in Westpreußen förderte, um sich weiter zu festigen, kamen immer mehr deutsche nach Westpreußen und vermischten sich mit dem vorgefundenen pommerschen und polnischen Adel. Der polnische Einfluß wurde stärker, als nach der Schlacht von Tannenberg (1410) der Machtbereich des Ordens geschwächt, aber noch nicht gebrochen, war, und seit dieser Zeit setzte auch eine gewisse immer stärker werdende Stagnation an Zuwachs aus Deutschland ein. Spätenstens mit dem Vertrag von Lublin aus dem Jahre 1569 setzte eine planmäßige Polonisierung Westpreußens ein.

Durch die polnischen Regenten wurden nun planmäßig zur Verminderung des deutschen Einflusses an die 500 Familien, die teils dem Krieger-, teils dem Adelstand angehörten, nach Westpreußen eingeschleust und angesiedelt. Eine besonder Rolle spielte jetzt der kassubische alte Adel, der sich willig Polen unterwarf und sich zusammen mit polnischen Einwanderern in Militär-Kolonien ansiedeln ließ. Der Einfluß und die Bedeutung des deutschgebliebenen Adels schwand nun mehr und mehr, namentlich auch, weil jetzt alle Verwaltungsstellen, die geistlichen wie weltlichen Funktionen und Ämter mit Polen besetzt wurden. Zwar besaß der deutsche Adel noch erhebliche Latifundien, aber der polnische Einfluß war so stark, daß nach gut einhundert Jahren der deutsche Adel polonisiert war (um 1500) und rund zweihundert Jahre nach der vernichtenden Niederlage des Deutschen Ordens (um 1600) war den meisten Familien sogar ihr Wissen um die deutsche Abstammung verloren gegangen.

Der Prozeß der Polonisierung lief in verschiedenen Phasen ab, teils wurden die eigenen deutschen Namen und Wappen niedergelegt und man ließ sich in eine polnische Wappengenossenschaft aufnehmen, teils wurden die Namen durch ein angehängtes "-ski" oder "-cki" mit Fortfall des alten deutschen Adelszeichens "v." umgewandelt, teils gab man sich Possesiv-Beinamen nach den Gütern, teils wurden die Namen offensichtlich auch nur übersetzt. Verschiedentlich wurden später auch beide Namen, der deutsche und der polnische zugleich benutzt (z.B. bei Manteuffels, Oppelns, Huttens).

Als 1772 die erste Teilung Polens durch Österreich, Rußland und Preußen vonstatten ging und der preußische Einfluß auf Westpreußen stieg, erinnerten sich von diesen in mehreren Jahrhunderten polonisierten Familien nicht alle ihrer deutschen Herkunft. Manche von ihnen sind in den ersten Reihen der polnischen Erhebungen zu finden und brachten der erneuten Germanisierung wenig Verständnis entgegen. Auf diese Weise verwischte nun bereits und erst recht in der Folgezeit bis 1918 die Herkunft vieler Geschlechter.

Es dürfte daher nicht uninteressant sein, eine Liste der Familien zu erstellen, die deutscher Herkunft waren und später einen anderen Namen annahmen, so daß sich von heutiger Sicht die Rekonstruktion wagen läßt, daß Teile der polnischen Familien, die einen der unten in der rechten Spalte aufgeführten Namen trugen, deutscher Herkunft sind (die Liste ist indes nicht vollständig, bringt aber recht viele Beispiele, was auch nicht gänzlich ohne Wert ist):
 

II. Konkordanz polonisierter deutscher Adelsnamen in Westpreußen ab 1400
 
Deutscher Familienname vor der Einwanderung Poloniserter Name nach 1500
v.Bach Gowinski, Lewisnki, Paraski, Pobolski, Zelewski
v.Burtscheid Borzuta und mit dem Beinamen Komierowski
v.Dienheim Chotomski
zu Dohna Borziskowski
v.Ende Koniecki
v.Eppingen Borzeczowski
v.Essen Kistowski
v.Glasenapp Glisminski
v.Goltstein Kossowski
v.Hagenau Zalinski
v.Haugwitz Pawlowski
v.Helden Sarnowski, Gosiorowski, Komarczewski, Przisiorowski, Gowrczewski
v.Holdau Lubodski
v.Horn Rogowski (Übersetzung ins Polnische)
v.Hutten Czapski (Übersetzung ins Polnische)
v.Kalkstein Kobilinski, Oslowski, Stolinski (teils schon vor 1400 polonisiert)
v.Kospoth Pawlowski, Lipinski
v.Kottwitz Krzycki
v.Krockow Krokowski, Krukowski (polonisierte Version der Adelsbezeichnung)
v.Manteuffel Kielpinski
v.Massow Czudnochowski
v.Nostitz Bakowski, Jackowski, Tokarski
v.Ostan Lninski
v.Oppeln Bronikowski
v.Platen Lninski
v.Rabenstein Gnoynicki
v.Rautenberg Garczynski, Klinski
v.Rohr Trczinski (Übersetzung ins Polnische)
v.Schleinitz Pleminski
v.Schlewitz Konarski
v.Schönbeck Szembek
v.Schönfeld Krupocki
v.Seibersdorf Sartwaski
v.Silberschwecht Laszewski
v.Stangen Meldzynski
v.Stein Kamienski (Übersetzung ins Polnische)
v.Stojentin Wonglikowski
v.Stumberg Sychowski
v.Tornow Turno, Turnowski (polonisierte Version der Adelsbezeichnung)
v.Weiden Butowski
v.Wedell Tuczynski
v.Wensing Waldowski
v.Zanthier Woiski, Zantir
v.Zehmen Cema (polonisierte Version der Adelsbezeichnung)


Der vorstehende Artikel wurde zusammengestellt nach: Anton v.Mach: Zur Polonisi[e]rung des westpreußischen Adels, in: Deutsches Adelsblatt, Jg.IV, Berlin 1886, Seiten 87-89

Polnische Szlachta gleich deutscher Adel?

Sind "Szlachta" und "Adel" dieselben Begriffe? Bezeichnen Sie dasselbe nur ein einer jeweils anderen Sprache? Zunächst muß zugegeben werden, daß allein die Verwendung des Begriffes "Adel" gleichzeitig für beide Gesellschaftsgruppen bereits irreführend wirken kann. Denn die gleichlautende Bezeichnung verleitet dazu, auch gleiche Gruppen hinter dieser Definition zu vermuten.

Strenggenommen müßte man eigentlich immer von "deutschem Adel" und "polnischer Szlachta" sprechen, denn niemand würde auf die Idee kommen, von "deutscher Szlachta" zu sprechen, wenn man den deutschen Adel von polnischer Seite aus betrachtet. Der Begriff "Polnischer Adel" hat sich jedoch im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebürgert, daß der Begriff "Szlachta" nur zu zahlreichen Fragezeichen und Verwirrungen führen würde. Bei dem Begriff "Adel" ist zumindest klar, worum es sich landläufig handelt.

So ist beispielsweise der Verfasser aufgrund seiner schriftlich nachgewiesen Herkunft im Mannesstamm von einem Geschlecht der Szlachtziken ordentliches Mitglied in dem Verband "Zwiazek Szlachty Polskiej", der sich auch "Confederation of the polish nobility" nennt, was übersetzt soviel bedeutet wie "Verband polnischer Adeliger /Verband polnischen Adels?????. Hier können nur Personen aufgenommen werden, die ihr Abstammung von dieser Gesellschaftsgruppe nachweisen können (deutsche Adelsige erfüllen diese Voraussetzung nicht und sind daher auch nicht als Mitglied annehmbar). Genauso ist es, wenn ein polnischer Szlachtzike in Deutschland eine Mitgliedschaft in einer Adelsvereinigung erhalten möchte.

Denn zieht ein polnischer Adeliger nach Deutschland um oder sind seine Vorfahren einst ins Deutsche Reich eingewandert, so konnten diese oder seine Nachkommen rechtlich nicht einfach die Namensbezeichnung wechseln und sich zu deutschen Adeligen wandeln.

Zu unterschiedlich sind die Bedingungen der Begriffsdefinition deutschen Adels einerseits und polnischen Adels andererseits, als daß man beide Bevölkerungsschichten der verschiedenen Territorien auf eine Stufe nebeneinander stellen könnte. Es ist daher auch nach dem historischen deutschen Adelsrecht nicht zulässig, wenn polnische Adelige sich ein deutsches Adelszeichen zulegen, daß es in dieser Form ("v.") in Polen gar nicht gegeben hat. Genauso ist es nicht opportun, wenn sich heute deutsche Adelige mit einem anderen Namen in Polen nennen würden.

Das hat nichts zu tun mit einer wie auch immer gearteten vielleicht vermuteten Höher- oder Minderwertigkeit einer der beiden Gruppen, sondern vielmehr damit, daß die beiden genannten Volksschichten in ihrer rechtlichen, wirtschaftlichen, auch genealogischen und heraldischen Entwicklung im Laufe der vergangenen Jahrhundert so verschiedene Wurzeln hatten, daß eine Nivellierung ihrer Herkunft und Geschichte unzulässig erscheint. Insofern haben Mitglieder ehemaliger polnischer Adelsfamilien in der heute gültigen Rechtsordnung sowohl privatrechtlich als auch adelsrechtlich keine Möglichkeit, in ihrem Namen einen Hinweis auf ihre polnische adelige Abstammung zu führen.

Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel! Führt eine Familie schon längere Zeit ein deutsches Adelszeichen, so kann sie sich auf Antrag und nach eingehender Prüfung durch Institutionen der Vereinigung der deutschen Adelsverbände (VdDA) mit einer sogenannten "Nichtbeanstandung der adeligen Namensführung" versehen lassen. Eine einfache Namensumstellung oder die Verdeutschung polnischer (wie im Übrigen auch aller anderen ausländischen) Namen mit Bezeichnungen des deutschen Adels sind in jedem Fall nicht korrekt. Es bleibt jedoch unbestritten, daß ein Szlachtzike einer polnischen Gesellschaftschicht angehörte und angehört, die einst privilegiert war und besondere, dem deutschen Adel vergleichbare Aufgaben wahrnahm. Wir finden zwar darin durchaus eine gewisse Annäherung  beider Begriffe, die aber doch nicht vollständig gleichgesetzt werden können.

Warum dies so ist, mögen die folgenden Zeilen verdeutlichen, aus denen hervorgeht, worin die wesentlichen Unterschiede zwischen dem polnischen und dem deutschen Adelsbegriff in kurzen Stichworten bestehen:
 
 
Merkmale Deutscher Adel Polnische Szlachta
Rechtsgrundlagen

 

Lehnrecht, Prinzip der Ebenbürtigkeit und Bildung von Häusern mit eigener Rechtsstruktur (kleine Fürstentümer) Jus militare, kein Ebenbürtigkeitsprinzip, Gleichheit des Adels, keine Bildung von Häusern mit eigener Rechtsstruktur 
Herkunft Hochadel aus Edelfreien, 
Niederadel aus ministerialen (Bedienstene)
Szlachta
aus der Kriegerschicht
Besitz und Ämter werden durchs Lehnswesen erblich nicht erblich, Allodial- anstatt Lehnsbesitz
Rechtsbeteiligung

 

nicht durch den ganzen Adel, nur durch die Reichsritterschaft und die "Reichsunmittelbaren" durch den ganzen Adel, untereinander keine Rechtsabstufungen vorhanden
Staatsform Ständestaat Monistischer Adelsstaat ("Adelsrepublik")
Wappen immer nur für eine bestimmte Familie und deren Nachkommen immer nur als Wappengenossenschaft mit einer bis mehreren Familien
Adelsbezeichnungen in Deutschland "Graf, "Fürrst", "Herzog", "Edler", "Ritter", "Freiherr", "v." ohne Entsprechnung in Polen, keine Adelstitel, nur Zusätze wie "Generosus"



Der vorstehende Artikel wurde zusammengestellt nach Peter Mikliss: Deutscher und polnischer Adel im Vergleich. Adel- und Adelsbezeichnungen in der deutschen und  polnischen verfassungsgeschichtlichen Entwicklung sowie die rechtliche Problematik polnischer Adelsbezeichnungen nach deutschem Recht, Berlin (West) 1981
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