Institut Deutsche Adelsforschung
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Kulturgeschichtliche Bibliographie zum Adelsblatt

Autoren- und Titelangaben zu Hauptaufsätzen in der wichtigsten Standeszeitschrift des Adels

I. Zur Genesis dieses Werkes

Wie so viele bibliographische und wissenschaftliche Hilfsmittel ist auch das vorliegende Werk aus dem Alltagsgebrauch heraus entstanden. Wie der Adel zu bestimmten Vorgängen stand oder welche Geistesrichtungen im Adel bestanden, läßt sich häufig nur durch Einzeläußerungen Adeliger feststellen, die aber nur sehr zeitaufwendig zu ermitteln sind. Ein Gleiches gilt für die Recherche im Deutschen Adelsblatt der Erscheinungsjahre ab 1883 bis heute. Zwar gibt es hier für die Jahrgänge 1883 bis 1918 einmal jährlich ein nach Rubriken sortiertes Register der Inhalte, aber die Recherche nach spezifisch kulturgeschichtlichen Inhalten gestaltet sich durch die jahrgangsweise Splitterung des Registers kompliziert. So mußten der Verfasser oftmals bemerken, daß wichtige Literatur zu einem bestimmten von ihm bearbeiteten Thema im Adelsblatt vorhanden war, wenn er dies für eine ganz andere Fragestellung durchsuchte und erst nachträglich relevante Artikel fand.

Sehr deutlich spürbar wurde dies im Juli 2002 bei der Erstellung einer mit einem Aufsatz verbundenen Rezension zum politischen Handeln konservativer Frauenorganisationen in der Weimarer Zeit, aber auch zur Tanzfrage bei der ebenfalls im Juli 2002 Erstellung der Geschichte der Landesabteilung Pommern der Deutschen Adelsgenossenschaft. Material hierzu war zwar im Adelsblatt vorhanden, aber doch mangels Register nur durch Zufall zu ermitteln. Hierbei handelte es sich einerseits um Berichte, in denen Adelige über verschiedene Frauenorganisationen berichten, denen sie nahestanden oder für die sie Werbung machten, andererseits um Stellungnahmen zur modernen Vergnügungskultur der 20er Jahre des verflossenen Jahrhunderts. So befaßt sich der Artikel "Kulturselbstmord" (1926) mit einer Betrachtung amerikanischer Modetänze ("Dieses Geheule, Getute, Gequiek, Gepfeif, Gejaule, Miauen kann nicht dadurch geadelt weden, daß die Geige, die königliche Mittlerin des ganzen seelischen Reichtums, damit geschändet wird, mitzuwirken") einschließlich einer Empfehlung der Schriftleitung des Deutschen Adelblattes ("Tanztourniere und Schönheitskonkurrenzen sind wohl auch Errungenschaften der Neuzeit, denen sich der Adel unbedingt fernhalten sollte").

Artikel und Aufsätze zu bestimmten Thematiken sind daher nicht immer einfach zu ermitteln. Das hat auch mit dem Charakter des Periodikums zu tun. Kaum ein damaliger Abonnent hat privat alle Jahrgänge davon gesammelt, denn das Blatt diente der Unterhaltung, der Vermittlung von Kontakten und der Aufrechterhaltung von Standesethos, teilweise auch der politischen Beeinflussung.

Wichtig waren für die Leser - den deutschen Adel - die aktuellen Nachrichten, Betrachtungen, Stellenvermittlungen, Ereignisse aus den Adelsverbänden, Anschriften und Personalveränderungen, insbesondere Todesanzeigen. So ausgerichtet ist das Adelsblatt nicht nur noch selten komplett an einer Stelle vorhanden, sondern aufgrund der großen Masse an Aufsätzen auch noch nie unter der Perspektive der Kulturwissenschaft bibliographiert worden. viele Artikel sind einfach vergessen, untergegangen in der unübersichtlich gewordenen Masse des vorhandenen Materials.

Sogar die Adelsverbände selbst besitzen gelegentlich nicht einmal ihre eigenen Publikationen. So hatte beispielsweise die Vereinigung des Adels am Mittelrhein e.V. 1956 ihrem verstorbenen Ehrenpräsidenten Kuno Graf Eckbrecht v.Dürckheim-Montmartin einen Nachruf im "Deutschen Adelsarchiv" veröffentlicht, wußte aber im Jahre 2002 nicht mehr, daß es damals überhaupt einen solchen Ehrenpräsidenten gegeben hat.[1]

Wegen der großen Masse an Artikel und Auskünften ist aber auch bei der etablierten Geschichtswissenschaft, die sich mit dem Adel befaßt, eine gewisse Scheu und Zurückhaltung in Bezug auf die Auswertung des Adelsblattes zu verzeichnen. Soweit es geht, werden hier, muß man auf das Adelsblatt zurückgreifen, Zitatstellen von Sekundärquellen gebracht, denn kaum ein Historiker macht sich die Mühe, das Adelsblatt von der ersten bis zur letzten Seite durchzublättern und diese Prozedur schon gar nicht für mehrere Jahrgänge durchzuführen. [2]

II. Charakter bisheriger Bibliographien

Nun existiert zwar schon seit 1999 eine Bibliographie zum deutschen Adel, diese aber beschränkt sich ausschließlich auf selbständig und unselbständig erschienene Titel, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Begriff "Adel" stehen. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Die Bibliographie verzeichnet zwar Titel wie "Frauenfrage und Adelsgenossenschaft" (1904) und "Landadel und landwirtschaftliche Hausfrauenvereine" (1929), läßt aber die Artikel "Die Krisis der Frauenbewegung" (1931) und "Der Deutsch-Evangelische Frauenbund" (1926) aus.

Vom damaligen Standpunkt aus, sich bei der Erstellung einer erstmaligen großen Bibliographie zum deutschen Adel zunächst nur auf ganz eng mit dem Adel verbundene Titel zu beschränken, war die Sicht berechtigt. Durch den mittlerweile erlangten bibliographischen Fortschritt auf dem Gebiet der Adelsforschung aber wird die Lücke spürbarer, die es zu füllen gilt. Vor der Herausgabe der vorliegenden Bibliographie stellte sich allerdings die Frage, ob sie nicht als integrierte Erweiterung der Bibliographie zum deutschen Adel in einer neuen Auflage derselben erscheinen sollte.

Hier bestand die Problematik, daß sich die Abgrenzung nicht immer deutlich hätte kennzeichnen lassen, die nötig geworden wäre, wenn man unterscheiden muß zwischen Inhalten, die sich direkt mit dem Adel befassen und solchen, die indirekte Aussagen über den Adel zulassen. Aus diesem Grunde erscheint dieses Werk getrennt von der Bibliographie zum deutschen Adel.

III. Möglichkeiten der Arbeit mit der Kulturgeschichtlichen Bibliographie

Eine Abgrenzung ist indes auch für die hier vorliegende Schrifttumsliste ebenso wie die vorangegangene übrigens kostenfrei im Volltext komplett einsehbare Bibliographie vonnöten. Sie macht zunächst in chronologischer  Übersicht nur Artikel und Autoren zugänglich, die aus dem Periodikum des Deutschen Adelsblattes stammen. Damit ist die Gewähr gegeben, daß eine grundlegende Verbindung zum Adel als sozialer Gruppe gewährleistet erscheint. Denn es ist davon auszugehen, daß Themen, die im Adelsblatt behandelt wurden, den Adel auch grundsätzlich tangiert haben.

Indes muß man doch unterscheiden zwischen "dem deutschen Adel" und dem "Adelsblatt", da beide Begriffe nicht miteinander identisch sind. Jedoch hat das Adelsblatt selbst die Behauptung aufgestellt, es sei ein Sprachrohr "des deutschen Adels". So schrieb Walter v.Bogen und Schönstedt, Hauptschriftleiter des Adelsblattes, im Januar 1932 im Hinblick auf spätere historische Untersuchungen unserer Zeit: "Und wenn einst der Chronist erforschen will, wie der Adel die Irrungen und Wirrungen dieser wildbewegten Zeit beurteilt, welche Ziele er verfolgt hat, wie er die Tradition seines Standes mit den Erfordernissen der Gegenwart in Einklang gebracht hat, das Adelsblatt wird ihm klar und unzweideutig Aufschluß geben". [2a]

Neben der zeitmäßigen Gliederung hat das vorliegende Werk einen weiteren Vorteil: Den der Ermittlungsmöglichkeit von Artikeln solcher Autoren, die üblicherweise in einem ganz anderen Zusammenhang erscheinen. So lassen sich beispielsweise durch Artikel und deren Inhaltsausrichtung bestimmte Rückschlüsse auf Einstellungen von Personen ziehen, die sonst nicht als Autoren im Adelsblatt auftauchen.

Als Beispiel sei hier Luiz Frhr.v.Liliencron genannt, der publizistisch sonst im Adelsblatt nicht hervortrat und dort eigentich nur in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Landesabteilung Schleswig-Holstein-Lübeck genannt wird. Daneben hat er aber auch einmal 1923 einen Artikel "Die dänische Propaganda im ehemaligen Herzogtum Schleswig" publiziert, der indirekt über seine politischen Anschauungen zur Grenzlandfrage Auskunft gibt. Dies läßt auch vorsichtige Rückschlüsse auf die Haltung des Adels allgemein zu.

Denn das Adelsblatt verfocht eine konservative Ausrichtung, die recht einheitlich geblieben ist und sich auf unendlich viele Lebensbereiche (z.B. "Vom tieferen Sinn der deutschen Volksmärchen" 1930), politische Zeiterscheinungen (z.B. "Die neue Monroedoktrin" 1927) und Interessengebiete (z.B. "Vergangenheit und Zukunft der Welteislehre" 1931) erstreckt hat. Gerade die Kontinuität in der weltanschaulichen Ausrichtung des Adelsblattes macht es so interessant und zu einem verläßlichen Informationsmittel auch über den (adeligen) Konservatismus in Deutschland. Denn eine Diskussion im Adelsblatt von unterschiedlichen politischen Standpunkten her war kaum möglich.

So wurde ein süddeutscher Antrag auf dem reichsweiten Adelstag von 1926 abgelehnt, der darauf zielte, "daß große politische Probleme von Männern des Adels verschiedener Parteien behandelt werden" mögen. Der Schriftführer des Adelsblattes, der Oberstleutnant a.D Walter v.Bogen u.Schönstedt, hielt dies nur für möglich, "wenn die Mitglieder bereit sind, auch mal eine ihnen widersprechende Ansicht ... zu lesen. Solange sie jede ihnen nicht zusagende Meinung mit Beschwerden beim Adelsmarschall oder Austritt beantworten, ist jede tiefgründige, erschöpfende Behandlung eines schwierigen Problems nicht möglich". [3]

Die vorliegende Bibliographie, deren Konzept erstmals 6.August 2002 erstellt wurde, erfüllt also auf der rein praktischen Ebene einen Doppelsinn, erweitert die Zugänglichkeit "neuer" Quellen zur Kulturgeschichte des deutschen Adels und zu einzelnen Verfassern bestimmter Artikel und Interessengebiete. Zum Zweiten möchte sie als wissenschaftliches Hilfsmittel einen Beitrag leisten zur Wegbereitung der relativ neuen Wissenschaftsdisziplin der Kulturgeschichte. [4]

Die Erfassung der einzelnen Titel erfolgte ausschließlich durch zeitaufwendige, aber sichere Autopsie, zumal auf Vorgängerwerke nicht zurückgegriffen werden konnte. Es handelt sich daher bei der Bibliographie um  die erstmalige systematische Zusammenstellung von Artikeln und Aufsätzen zur adeligen Kulturgeschichte, die eine schier unübersehbare Quellenfülle erschließt.

Darüber hinaus bietet die vorliegende Bibliographie auch für alle anderen Interessengebiete bemerkenswerte Beiträge. Zwar brachte das Adelsblatt gelegentlich auch Artikel der Kreuzzeitung im Wortlaut, hat aber ansonsten ein eigenes Profil entwickelt. Von der Schriftleitung wurden viele außenstehende Autoren für eigenständige, nirgendwo anders erschienene Artikel gewonnen, unter denen viele Akademiker waren (was die Qualität der Aufsätze erhöht).

Zum großen Teil werden durch die vorliegende Schrifttumsliste "abwegige" und mit dem Adel überhaupt nicht in Zusammenhang zu bringende Themen behandelt. Oder wer wollte schon im Deutschen Adelsblatt Artikel über "Das Ringen um die deutsche Mineralölversorgung" (1935), "Die Geschichtstheologie der franziskanischen Reformation" (1935) oder die Vorstellung des "Knäckebröds" als des vermeintlich besten neuen Nahrungsmittels (1928) vermuten?

IV. Zur Namensgebung

Der Name "Kulturgeschichtliche Bibliographie zum Deutschen Adelsblatt" ist sehr bewußt gewählt worden. Kulturorientiert ist sie, weil Kultur, aus dem lateinischen "cultura" hergeleitet, die "Gesamtheit typischer Lebensformen größerer Gruppen einschließlich der sie tragenden Geistesverfassung, besonders der Werteinstellungen" umfaßt. [5]

Geschichtlich ist sie, weil sie zeitlich ausschließlich retrospektiv angelegt ist. Bibliographisch ist sie, weil sie eine Schriftstumslite mit Erschließungsmodulen besitzt. Und "zum Deutschen Adelsblatt" heißt nicht "zum deutschen Adel", da wohl kaum eine süddeutsche katholische Gräfin einem Aufruf einer norddeutschen Standesgenossin gefolgt wäre, die zum Eintritt in den den Deutsch-Evangelischen Frauenbund aufgefordert hat. Es handelt sich daher nicht um eine kulturhistorische Bibliographie des gesamten deutschen Adels, sondern "lediglich" um eine solche einer bestimmten Zeitschrift, wenngleich dieses Periodikum das Wichtigste und Größte im reichsweiten Adel gewesen ist. Zuletzt ist hier bewußt an die Grundzüge der Kulturwissenschaften angeknüpft worden, die wie schon erwähnt in der modernen Geschichtswissenschaft des endenden 20. und des beginnenden 21.Jahrhunderts eine immer größere Rolle spielen - die Nähe zu dieser sichtweise sollte eben auch in der Namensgebung des Werkes dokumentiert werden.

V. Entwicklung der Inhalte des Adelsblattes

In den Jahrgängen der NS-Zeit ging das Adelsblatt umfangmäßig an seine Höchstgrenzen mit teilweise bis zu 1.700 Seiten, allerdings kam vor allem ab 1935 vermehrt Werbeseiten hizu, so daß die Zeitschrift inhaltlich dadurch nichts gewann, sondern nur quantitativ aufgebläht wurde. Die meisten Artikel befassen sich mit politischen und wirtschaftlichen Fragen, zu einem sehr großen Teil auch mit Ländern außerhalb Europas. Einige skurrile Artikel zeigen, daß sich der Nationalsozialismus autoritär selbst in kleinste Bereiche des täglichen Leben einmischte; so wurden auch die weltanschaulich sonst unverdächtigen Handküsse, Vorhängeschlösser und gewisse Gesellschaftspiele als "undeutsch" deklariert und verurteilt. Verantwortlich hierfür war der Hauptschriftleiter des Adelsblattes, der Oberstleutnant a.D. Walter v.Bogen und Schönstedt (*1880). Bei ihm handelte es sich um ein sogenanntes "Maiveilchen", da er am 1.Mai 1933 der NSDAP als "Pg." und "Konjunkturritter" beigetreten war. [6a]

Ein breiter Raum wurde und wird noch heute Gedenktagen zugestanden, anläßlich derer man Dichter, Komponisten oder mehr oder minder berühmte Kulturschaffende oder Militärs vorstellt und deren Wirken rezipiert. Antisemitische Artikel, in der Weimarer Zeit noch weit und aggressiv verbreitet, sind in der Zeit 1934 bis 1944 dahingegen äußerst selten vertreten. Zum Ende des zweiten Weltkrieges hin nimmt der Umfang der Zeitschrift immer mehr ab, abgedruckt werden außerdem nur noch "Durchalteartikel".

An Verfassern standen dem Adelsblatt in der NS-Zeit meist nur bürgerliche Akademiker zur Verfügung, aber auch andere Personen. Zu den öfters auftretenden Verfassern zählten im Dritten Reich vor allem

  • Ingeborg Altgelt, die sich vor allem mit dem Sozialwesen befaßte, ferner
  • Prof. Dr. Heinrich Rogge, der politische Artikel schrieb, dann der
  • Major a.D. Walter v.Keiser (1874-1954), dessen Fachgebiet alles Militärische war, weiter der
  • W. Seelmann-Eggebert, der nur über Fideikommiß- und Güterrecht schrieb, dann der
  • Diplom-Landwirt H. Haefs, der für das gesamte landwirtschaftliche Ressort Artikel produzierte sowie
  • der Kunstkritiker Dr.phil. Hermann Christian Mettin (geboren 1910, promovierte 1934 in Heidelberg mit der Arbeit "Die Bedeutung des Staates in Schillers Leben, Weltanschauung und Dramen", schrieb unter anderem "Der politische Schiller", Berlin 1937 --- "Von der Bedeutung des Theaters in unserer Zeit", in: Das Innere Reich [1936], Seite 520 und folgende [Joseph Wulf: Theater und Film im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Hamburg 1983, Seite 147 und 206-207]), dann der
  • Kunsthistoriker Ernst v.Niebelschütz (1879-1946), der auch Schriftsteller, Sonderbaueftragter des Landeskonservators der Provinz Sachsen und Major a.D. war, schließlich die beiden Herren
  • Dr. Franz Große und Dr. Walter Grautoff als Wirtschaftsspezialisten.
Adelige hingegen fand sich nicht mehr so häufig als Autoren von Artikeln als noch im Kaiserreich. Der Hauptschriftleiter des Adelsblattes, Walter v.Bogen und Schönstedt, erklärte dies 1933 damit, daß zwar recht viele Adelige sich als Verfasser anboten, diese aber nur "viel Unbrauchbares" und "ganz unmögliche Sachen" schreiben würden und er daher lieber auf bürgerliche Verfasser zurückgreife. [6] Die Auflage des Adelsblattes betrug 1930 insgesamt 14.500 Stück, fiel dann bis 1935 auf immerhin noch 10.000 Stück. [7]

VI. Kontinuitäten und Brüche vor und nach 1945

Nach der Einstellung des Erscheinens 1944, zunächst geplant für die Kriegsdauer, ist das Adelsblatt nicht weitergeführt worden, da der Verlagsinhaber, der "Pg." der NSDAP Oberstleutnant Wilhelm Graf v.Schlieffen, im Juli 1945 verstorben war. Es erlosch zunächst, fand einen Nachfolger in den "Flüchtlingslisten" 1945-1948, herausgegeben jetzt durch den Verlag "Deutsches Adelsarchiv" in gänzlich anderen Händen. Ihnen folgten die Zeitschrift "Deutsches Adelsarchiv", welche nun auch wieder Artikel brachte, die aus kulturgeschichtlicher Sicht interessant waren. Vom Umfang her war die neue Zeitschrift sehr geschrumpft, rund 250-260 Seiten im Jahrgang stark, dabei wie zuvor auch auf einen starken Werbeteil angewiesen, woran sich bis heute nichts geändert hat. Ab 1962 schließlich erschien die Zeitschrift dann wieder unter dem Namen "Deutsches Adelsblatt".

Es blieb konservativ gesinnt, brach im Allgemeinen mit vielen Traditionen des Adelsblattes von vor 1945 und war beispielsweise nicht mehr auf den Nationalsozialismus ausgerichtet, verpflichtete unter anderer Schriftleitung (Hans Friedrich v.Ehrenkrook, Rechtsanwalt v.Flotow) größtenteils andere Autoren. 1940 beispielsweise noch sprach das Adelsblatt von dem zweiten Weltkrieg als einer dem Deutschen Reich von anderen Mächten aufgepreßten Defensivgewalt, 1961 dann aber bemerkte der Generalmajor a.D. der Luftwaffe Rudolf v.Katte (1890-1970), daß der Krieg von keinem Menschen als ein Deutschland aufgezwungener Verteidigungskrieg definierbar gewesen sei. [8]

Andererseits lobte die Schriftleitung noch 1962 das Vorkriegs-Adelsblatt wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus, da es sich bis 1944 "in jeder Hinsicht sowohl auf politischem, kulturellem und historischem Gebiet größten Interesses" erfreut habe. Die beiden für die Schriftleitung verantwortlichen Herren v.Ehrenkrook (1880-1968) und v.Flotow (1902-1976) gedachten ausdrücklich anerkennend "aller übrigen Mitarbeiter, die zum geistigen Inhalt des Blattes in jenen Jahren [1933-1944] beigetragen haben" und identifizierten sich mit Inhalten wie "Der Anteil der Juden an der deutschen Seelenvergiftung" (1928) oder "Zur Lösung der Judenfrage" (1938). [9] Eine Mitverantwortung des (alten) Adelsblattes für die Verbreitung und Propagierung das Gedankengutes des Dritten Reiches, das sich bereits ab 1919 in etlichen Aufsätzen artikulierte, wurde nicht erkannt, eine kritische Auseinandersetzung fand nicht statt.

Auch bei den erwähnten Mitarbeitern gab es Kontinuitäten, wenn gleich diese auch gering blieben. Der völkisch orientierte Hans Friedrich v.Ehrenkrook, schon 1920 "Erfinder" des Arierparagraphen der Deutschen Adelsgenossenschaft, konnte beispielsweise wieder Dr.phil. Hans Erich v.Groll (*1906) als regelmäßigen Autor gewinnen, der schon vor 1945 im NS-Staat im Adelsblatt publiziert hatte und dies auch jetzt wieder tun durfte.

Die übrigen Autoren aber tauchten vor 1945 nicht als Verfasser im Adelsblatt auf. Zu ihnen zählten nach 1950 regelmäßig der einer jüngeren Generation entstammende Kunsthistoriker Dr.phil. Niels v.Holst (*1907) und der Genealoge und Militärhistoriker Nikolaus v.Preradovich (*1917). Letzterer lieferte vor allem biographische Beiträge zu berühmten europäischen Adeligen der Geschichte.

In den siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts etablieren sich neue Verfasser: Der promovierte Hermann-Siegfried Graf zu Münster M.A. als Ökonom mit aktuellen wirtschaftlichen Lageberichten aus aller Welt, C.C.v.Pfuel, der vor allem europäische Politik betrachtete, die kunsthistorisch interessierte Ursula Gräfin v.Pückler und Sonja Freifrau v.Müffling dominieren nun den festen Stamm der freien Mitarbeiter und literarischen Zulieferer des Adelsblattes. Seit Januar 1992 gehört auch der nichtadelige Ulrich Sahm zu den regelmäßigen Autoren des Standesorgans.

Auch Gliederung und Anlage der Zeitschrift wurden vor und nach 1945 kontinuierlich gestaltet: Die Plazierung eines Schloß- oder Herrenhausbildes mit kurzer Beschreibung "Unser Titelbild" (1960) wurde bereits vor 1945 gepflegt. Der sich mit tagesaktuellen politischen Fragen befassende Leitartikel, ehemals "Zur Lage" (1930) wechselte lediglich den Titel in "Zum Zeitgeschehen" (1960).

Danach folgten und folgen noch heute (2002) die Hauptartikel, schließlich die Rubrik "Bücherschau" (1930), später "Buchbesprechungen" (1960) genannt, und die "Mitteilungen von Verbänden", die früher "Aus dem Leben der Landesabteilungen" (1930) hieß. Weggefallen waren schon vor 1945 die Rubriken "Handelsnachrichten" (1930) mit Berichten von Firmenversammlungen und auch die Rubrik "Bäder, Kurorte, Hotels und Pensionen" (1930) mit den Reisehinweisen und Vorstellungen von Kurorten in Deutschland. Gestrichen wurde auch schon vor 1945 die Rubrik "Geschäftliche Mitteilungen" mit versteckter Werbung von Firmen und der Abschnitt "Unterrichtsanstalten" mit der Vorstellung von Schulen für den Adel. Weggefallen war hingegen erst nach 1945 der Bereich "Querschnitt" (1930), später "???" genannt, in denen die neuesten Bühnenstücke und Kinofilme rezensiert wurden. Geblieben ist dann wieder die Rubrik "Familien-Nachrichten (1930, 2002) mit Traueranzeigen und der Ankündigung von Personenstandsfällen. Schließlich folgte und folgt noch der Kleinanzeigenmarkt, früher "Offene Stellen" (1930) genannt, dann "Stellennachweis" (1960), schließlich "Gesuchte Stellen" (1960) und "Verschiedenes (2002), früher "Sonstiges" (1930). Das Adelsblatt wurde und wird beschlossen von größeren Werbeanzeigen diverser Firmen.

Vom Schriftbild her blieb lange Zeit vom Beginn der Erscheinens 1884 an die Fraktur in allen Kolumnen bestimmend. Sie wurde allerdings 194? für den Haupttext abgeschafft, blieb aber als Auszeichnungsschrift in den Überschriften der Artikel und im Titel der Zeitschrift erhalten. Auch das ab 1949 erscheinende "Deutsche Adelsarchiv" war sowohl in den Titeln als auch der Hauptschrift in gebrochener Schrift gesetzt worden. Erst nach und nach wurden diese betont deutschen Traditionsmerkmale stillschweigend und ohne Bemerkungen der Schriftleitung oder des Verlages fallen gelassen: Seit Januar 1958 wurde der Haupttext auf Antiqua umgestellt, ab Januar 1973 wurden auch keine gebrochenen Schriften mehr für die Titel benutzt. Lediglich der Titelkopf mit den Namen des Periodikums ist nach wie vor in gebrochener Schrift dargestellt.

Eine ganz neue Gattung von Artikeln tut sich nach 1945 auf; die sogenannte "Erinnerungskultur". Besuche von Verfassern "drüben", in der DDR oder in der Sowjetzone, auf eigenen ehemaligen Gütern, werden gefühlvoll und oft melancholisch in epischer Breite beschrieben. Sigismund Frhr. v.Zedlitz gehört hierbei in den siebziger Jahren des 20.Jahrhunderts zu den typischen Autoren solcher Reiseberichte, vor allem über Pommern und Schlesien.

Weit verbreitet sich nach 1945 auch die eigenartige Methode, eine nichtssagende oder irreführende Überschrift für einen Artikel zu wählen, so daß man sich entweder nichts unter dem Titel vorstellen kann oder der Inhalt ein gänzlich anderer ist als der Titel vermuten läßt  (Artikel "Daniel in der Löwengrube" von 1977; dahinter verbirgt sich ein Nachruf auf den ehemaligen Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin v.Krosigk). Diese vermehrt in der Nachkriegszeit um sich greifende Unart bedeutet leider für den Bibliographen ebenso wie für den Benutzer eine zusätzliche (eigentlich vermeidbar gewesene) Arbeit.

VII. Kulturgeschichtliche Bibliographie

Welche Inhalte sind nun in der vorliegendem Werk zu erwarten? Zunächst ist fast stringent auf die Erfassung der Hauptartikel Wert gelegt worden. Die (vor allem im Dritten Reich ausufernde) Rubrik der Buchbesprechungen wurde nicht verzeichnet. Allerdings wurden Rezensionen nicht selten auch im Haupttextteil gebracht; dann sind sie verzeichnet worden. Natürlich lassen sich vor allem auch aus Rezensionen weniger der subjektiv bemessene Wert bestimmter Literatur ermitteln als vielmehr die Einstellungen des Adels und der konservativen einzelnen Rezensenten. Es würde sich dabei also durchaus um kulturwissenschaftlich interessantes Material handeln, das hier jedoch zugunsten der Hauptartikel vernachlässigt wurde. Nicht aufgenommen wurden hier die Artikel "Zur Lage" und ab den dreißiger Jahren der "Querschnitt" mit den Besprechungen von Bühnenstücken, Schauspielen und Kinofilmen.

Ein Gleiches gilt für den Anzeigenteil und die Abbildungen und Beschreibungen der Herrenhäuser, Burgen und Schlösser. In einzelnen Bereichen, vor allem für die Zeit von vor 1945, wurde jedoch von dem Prinzip der Hauptartikelerfassung abgewichen. Wenn sich interessante Aspekte in anderen Rubriken ergaben, wurde diese trotz ihrer bibliographischen Unselbständikeit trotzdem erfaßt. Die Auswahl ist damit zugegebermaßen subjektiv gefärbt, jedoch kulturhistorisch begründet, etwa, wenn es sich um interessante Phänomen handelt, die an anderer Stelle gar nicht oder doch nur sehr aufwendig zu finden wären. Auch die in der hauseigenen Bibliographie zum deutschen Adel nicht aufgenommenen Artikel zum ausländischen Adel finden endlich hier ihren verdienten Platz.

Im folgenden Abschnitt werden die Links zu den bisher erfaßten Jahrgängen mitgeteilt. Ausgehend von der Zeit des Dritten Reiches wurden anschließend vorher in der Weimarer und später in der Bundesrepublik erschienene Ausgaben ausgewertet.

Die bibliographische Erfassung der verschiedenen Jahrgänge des Deutschen Adelsblattes erfolgte sukzessive seit Oktober 2002 und ist derzeit noch nicht abgeschlossen. Unter kulturwissenschaftlichen Aspekten umfangärmere Jahrgänge wurden zu mehreren Jahrgängen zusammengefaßt, so daß für jeden alphabetisch sortierten Unterabschnitt (ab 1950) je 200 bis 300 Titel pro "Lieferung"  erscheinen.

Erschienen ist das alte "Deutsche Adelsblatt" insgesamt in den 62 Jahrgängen I. (1884) bis LXII. (1944), als "Deutsches Adelsarchiv" in den 17 Jahrgängen I. (1950) bis XVII. (1961), dann wieder als neues "Deutsches Adelsblatt" in den bisherhigen 41 Jahrgängen I. (1962) bis XLI. (2002). Zusammen ergeben sich somit 120 potentielle Jahrgangsauswertungen vom 19. bis 21.Jahrhundert, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die NS-Diktatur bis hin zur Bundesrepublik der Gegenwart.

Erschlossen wurden vollständig bisher die Adelsblatt-Jahrgänge 1928 (317 Artikel) ---1929 (339 Artikel) --- 1930 (302 Artikel) --- 1931 (266 Artikel) --- 1932 (379 Artikel) --- 1933  (433 Artikel) --- 1934  (338 Artikel) --- 1935  (274 Artikel) --- 1936  (275 Artikel) --- 1937  (271 Artikel) ---  1938  (324 Artikel) --- 1939  (260 Artikel) --- 1940-1944 --- 1950-1955 --- 1956-1961 --- 1962-1965 --- 1966-1970 (326 Artikel) --- 1971-1975 (329 Artikel) --- 1981-1985 (206 Artikel) --- 1986-1990.

VIII. Quellennachweise

  • [1] = Traueranzeige der Vereingung des Adels am Mittelrhein e.V. für ihren Ehrenpräsidenten Kuno Graf Eckbrecht v.Dürckheim-Montmartin, in: Deutsches Adelsarchiv, Jg.XII. (1956), Seite 174 sowie Schreiben von Dr. Olgard v.Heinemann aus Winningen, Vorsitzender der Vereinigung des Adels am Mittelrhein e.V., vom 27.Juli 2002, wonach Graf Dürckheim nie Ehrenpräsident der Vereinigung geworden sei und zu keinem Zeitpunkt dem Vorstand angehört habe.
  • [2] = Beliebt bei Forschern über die Weimarer und die NS-Zeit ist die Zitierung der Adelsblattstellen aus leicht zugänglicher Sekundärliteratur (so bei Eckart Conze: Adel und Adeligkeit im Widerstand des 20.Juli 1944, in: Heinz Reif [Hg.]: Adel und Bürgertum in Deutschland, Band II der Reihe Elitenwandel in der Moderne, Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20.Jahrhundert, Berlin 2001, S.270) oder die Pauschalanführung von meist "zahlreichen" Artikeln aus dem Adelsblatt (wie bei Wolfgang Zollitsch: Orientierungskrise und Zerfall des autoritären Konsenes, Adel und Bürgertum zwischen autoritärem Parlamentarismus, konservativer Revolution und nationalsozialistischem Führeradel 1928-1933, in: Heinz Reif [Hg.]: Adel und Bürgertum in Deutschland, Band II der Reihe Elitenwandel in der Moderne, Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20.Jahrhundert, Berlin 2001, S.222) ohne Konkretisierung oder konkrete Belegstelle.
  • [2a] = Walter v.Bogen und Schönstedt: An der Schwelle des zweiten halben Jahrhunderts, in: Deutsches Adelsblatt, Jahrgang L. (1932), Seite 4
  • [3] = Deutsches Adelsblatt 1926, Seite 432
  • [4] = Ute Daniel: Kompemdium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, 3. verbesserte Auflage, Frankfurt am Main 2002
  • [5] = dtv-Lexikon, Band X, Mannheim und München 1992, Seite 182
  • [6] = Non Nominatus: Ein Gespräch, in: Deutsches Adelsblatt 1933, Seite 167
  • [6a] = Stephan Malinowski: Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub, in: Heinz Reif (Hg.): Adel und Bürgertum in Deutschland, Band II., Berlin 2001, Seite 190
  • [7] = Nach Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adreßbuch, Leipzig / Jahr 1930, S.239 (14.500 St.) / Jahr 1931, S.243 (12.000 St.) / Jahr 1933, S.235 (10.000 Dt.) / Jahr 1935, S.208 (10.000 St.) / Jahr 1937, S.208 (10.725 St.)
  • [8] = Rudolf v.Katte: Bewältigung der Vergangenheit, in: Deutsches Adelsarchiv, Jg.XVII. (1961), Seite 43
  • [9] = Non Nominatus [unter Verantwortung der Schriftleitung!]: Graf Wilhelm v.Schlieffen. Zu seinem 80.Geburtstag am 25.März 1962, in: Deutsches Adelsblatt, Jahrgang I. (1962), Seite 52
© Claus Heinrich Bill M.A. B.A.

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