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Kleinanzeigen aus dem Deutschen Adelsblatt 1883-1945

Register zu Inserenten von Annoncen im größten deutschen Adelsperiodikum

"Warum nutzen Sie nicht die Vorteile der Kleinen Anzeigen im Deutschen Adelsblatt mehr aus?"; diese Frage stellte im Jahre 1928 der Verlag Deutsches Adelsblatt seinen Lesern [Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XLVI. (1928), Seite 648a]. Im Prinzip gilt diese Frage heute immer noch. Wenngleich damals der geschäftliche Erfolg mit dieser Frage befördert werden sollte, so läßt sie sich leicht modifiziert auch jetzt im 21.Jahrhundert stellen. Denn Kleinanzeigen beiten mehr Auskünfte als auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag.

Der vorliegende Artikel, begonnen am 23.Juli 2001, als die Idee der Kleinanzeigenauswertung beim Institut Deutsche Adelsforschung reifte, soll daher ein Beitrag sein zur Analyse und Forschungsanregung in Bezug auf Zeitungs- und Zeitschriften-Annoncen. Das Vorhaben mag verwundern, sind von der historischen Forschung doch die Zeitungsannoncen bisher nicht hinreichend als historische Quellengattung erkannt worden. Anzeigen fristen ihr Dasein daher bisher nur am Rande, was natürlich mit ihrer Entstehung, ihrer Zahl, ihrem Charakter und namentlich ihrer Verfügbarkeit zusammenhängt.

I. Mehrere Arten von Annoncen

Wir können zunächst mehrere Anzeigenarten voneinander unterscheiden: private und gewerbliche sowie einmalige und periodische. Wenden wir uns zunächst den privaten Annoncen zu. Diese Offerten in Periodika haben den Charakter des Tagesgeschäftes an sich, das heißt, sie wurden erstellt, um einen bestimmten Inhalt von einem Empfänger an einen noch unbekannten Interessenten zu bringen.

Zweck der Anzeige war die kurzfristige Erreichung potentieller Leser und damit Interessenten oder Käufer. In Beachtung dieser Zweckrichtung erscheinen private Anzeigen daher meist nur einmal oder wenige Male, eben nur bis der erwünschte Zweck eingetreten war.

Denn wenn die Anzeige Ihren Sinn erreicht hat, der Inserent das Erhoffte erlangt hat (Kennenlernen, Einstellung eines Angestellten, Verkauf, Kauf, Interesse an einer Ferienwohnung oder Dienstleistung) oder glaubt erlangt zu haben (Benachrichtigung einer Personenstandsänderung wie Tod, Geburt, Verlobung, Heirat), werden die Anzeigen nicht wiederholt.

Betrachten wir uns den Anzeigenmarkt des Adelbslattes in der Weimarer Republik, so fallen folgende Regelmäßigkeiten auf: Im Jahre 1928 konnte man zwei Arten von Annoncen unterscheiden. Erstens wurden Kleinanzeigen durch die Hauptstellenvermittlung der Zentral-Hilfe der Deutschen Adelsgenossenschaft gedruckt. Ihr Ziel war die Zusammenbringung von männlichen Arbeitssuchenden und Arbeitgebenden sowie die Erhaltung standesgemäßer Berufstätigkeit nach dem Grundsatz, daß wohlhabendere Adelige den weniger vermögenden und stellungslosen Standesgenossen mit einer Arbeitsstelle finanziell unterstützten. Sie forderte daher immer wieder ihre Leser und Genossenschaftsmitglieder zur Schaffung und Bekanntgabe von freien Stellen auf, war aber zugleich beschränkt in der Auswahl der anzustrebenden Tätigkeiten. auch wurden ausschließlich Männer vermittelt, da man dem adeligen Frauenbild entsprechend eine Erwerbstätigkeiten nur den Männern vorbehalten wollte: "Die Zentral-Hilfe sucht für Standesgenossen - Berufslandwirte, Offiziere a.D., kaufmännisch vorgebildete Herren - entsprechenden Wirkungskreis als Administrator, Verwalter, Inspektor, Rechnungsführer oder im Bürodienst, in der Industrie, im Gestütswesen und dergleichen (Angebote für Vertretungen als Reisende oder im Versicherungsfach kommen nicht in Frage)." [Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XLVI. (1928), Seite 488, Bemerkung in der Rubrik "Offene Stellen"]

An Modalitäten war zu beachten, daß die Hauptstellenvermittlung ihre Arbeit kostenfrei für die Betroffenen durchführte. Im Adelsblatt wurden ihr hierfür die Rubriken "Offene Stellen", Gesuchte Stellen" und die eigentlich mit der Arbeitsvermittlung nicht zusammenhängende zusätzliche Rubrik "Sonstiges" (für Gelegenheitsverkäufe, Angebote für Gesangs- und Sprsachunterricht, Angebote von Ferienwohnungen, et cetera) eingerichtet. Auch wenn die Arbeitsvermittlung gratis war, so wollte man die Anzeigen dennoch nciht ganz kostenfrei abdrucken und verlangte für Chiffre-Annoncen drei Goldmark. Anzeigen mit Postanschrift hingegen wurden in den Rubriken "Offene Stellen" und "Sonstiges" für 1,50 Goldmark und in der Rubrik "Gesuchte Stellen" ermäßigt für 1,00 Goldmark gedruckt. [Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XLVI. (1928), Seite 488]

In der Regel wurden die Anzeigen der Hauptstellenvermittlung bis zur Erledigung immer wieder erneut abgedruckt. Erst wenn eine Stelle besetzt war oder ein Arbeitssuchender gefunden worden war, bat die Hauptstellenvermittlung um Benachrichtigung und setzte die Anzeige ab. Diese Verfahrensweise hatte zur Folge, daß sich die Rubrik im Laufe der Zeit gleichförmiger und vom heutigen Informationsumfang her weniger faktenreich ist, da es eine recht hohe Kontinuität von Annoncen gab, die in den meisten Fällen nicht nur in ein oder zwei, sondern häufig auch in Dutzenden von sukzessierenden Adelsblättern immer wieder mit dem gleichen Text erschienen sind. Hier wurde auf eine Indexierung verzichtet, um nicht das Register unnötig aufzublähen. Überschneidungen freilich ließen sich nicht immer vermeiden, zumal einige Inserenten, die mit einer Anzeige erfolgreich waren, auch später wieder auf diese Möglichkeit zurückgriffen und in einer anderen Rubrik Annoncen aufgaben.

Neben den Anzeigenkomplex der Hauptstellenvermittlung in der Berliner Hindersinstraße gab es aber zweitens 1928 noch den freien Anzeigenmarkt des Verlages Deutsches Adelsblatt, der ebenfalls die drei Rubriken "Offene Stellen, "Gesuchte Stellen" und "Verschiedenes" kannte, sich aber durch eine höhere Flexibilität auszeichnete. Der Markt für diese Anzeigen war sehr in Bewegung und brachte meist ausschließlich unterschiedliche sich kaum wiederholende Annoncen hervor, so daß in jeder Ausgabe des wöchentlich erschienenden Adelsblattes neue Kleinanzeigen abgedruckt wurden. Die Preise richteten sich nach der Länge des Inserats und waren daher nach mm-Preisen berechnet (mm-Zeile 20 Pfennig), für eine Chiffreanzeige wurden zusätzlich 50 Pfennig berechnet. Die Abwicklung lief über den Schlieffenverlag in der Kurfürstenstraße 48. Die Inserenten wurden angehalten ihre Anzeige möglichst kurz zu fassen. Oftmals sind diese Anzeigen leider ohne die Eingliederung in die Seitenzählung abgedruckt worden. Vom Bearbeiter des hier vorliegenden Registers mußten daher neue Seitenzählungen eingeführt werden, um den entsprechenden Fundort einer bestimmten Annonce genau zu kennzeichnen.

Obwohl Frauen sich nicht auf Arbeitsstellen vermittlen ließen, nehmen sie unter den Insereten doch den Hauptteil ein. Dies hängt vermutlich damit zusammen, daß alle Fragen der Personalwirtschaft auf den Gütern Frauensache war, sofern es sich um Jungfern, Beschließerinnen und Gesellschaftsdamen handelt. Landwirte, Rechnungsführer und Chauffeure higegen wurden meist nur von den Männern betreut.

Gelegentlich fallen Abnormitäten und Kuriosa in den Anzeigen auf. Wenn ein Inserent seine Anzeige handschriftlich einreichte, wurde diese in der Regel ohne Überprüfung der Richtigkeit mit der Bemerkung "Für unleserlich geschriebene Anzeigen übernimmt der Verlag keine Haftung" abgedruckt [Deutsches Adelsblatt, Jahrgang XLVI. (1928), Seite 532a]. Daher konnte es vorkommen, daß dieselben Personen angeblich in unterschiedlichen Orten wohnen sollten oder ihr Name einmal in dieser, dann wieder in jener Schreibweise aufgenommen wurde ("Bethmann-v.Bültzingslöwen" und "Bethmann v.Bültzingslöwen"). Zusätzlich fand auch keine Überprüfung der Adelseigenschaft statt, so daß sich beispielswiese untituliert Adelige als freiherrlich bezeichnen konnten, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen (v.Seelhorst 1928) oder Familiennamen genannt werden, deren Adelseigenschaft nicht ermittelt werden kann (v.Uloth 1928).

In den Kriegsjahren 1942 bis 1944 gibt es zusätzlich zu den drei bisherigen Rubriken noch den Abschnitt "Gelegenheitsverkäufe". Dort werden Alltagsgegenstände wie Schoßröcke, Bücher, Pikeewesten, Kameras, Schmuck, Tennisschläger und Möbel angeboten.

Die Kleinanzeigen dieser Zeit sind ferner gekennzeichnet von der Mangelwirtschaft im Krieg. Massenweise werden für Offiziere Feldblusen gesucht (Frfr.Senfft v.Pilsach aus Sandow 1942), Armbanduhren (v.Ramin aus Bad Orb 1942) und selbst der Besitzer des baulich prächtigen Rittergutes und Schlosses v.Versen-Crampe in Hinterpommern suchte per Annonce 1942 "einen Vorhang gegen kalte Luft". Stellengesuche gab es wenige und diese Inserenten ließen meist nicht ihren Namen abdrucken sondern verstecken sich hinter einer Chiffre. Dagegen wurden wieder massenhaft Arbeitskräfte gesucht. Vor allem Pflichtjahrmädchen waren als Arbeitskräfte in Haus und Landwirtschaft gesucht. Sie sollten die eingezogenen Männer ersetzen und die "Heimatfront" aufrechterhalten, um sowie neben den ausländischen nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern auf den jeweiligen Gütern tätig sein. [Angela Vogel: Das Pflichtjahr für Mädchen. Nationalsozialistische Arbeitseinstzpolitik im Zeichen der Kriegswirtschaft. Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang 1997 --- Trott, U.v.: Arbeitsdienst und weibliches Pflichtjahr, Aufsatz, DAB, Jahrgang LVI. (1938), Seite 1128 --- Non Nominatus: Zur Praxis des Pflichtjahres der Mädchen, Aufsatz, DAB, Jahrgang LVII. (1939), Seite 326-327 --- Gumppenberg, Huberta Freiin v.: Das weibliche Pflichtjahr, Aufsatz, DAB, Jahrgang LVII. (1939), Seite 806-807]. Anzeigen mit politischer Tendenz waren nun eher selten, man kümmerte sich vielmehr um die schon kompliziert genug erscheinender Versorgung mit Alltagsgütern.

II. Problematik der Flüchtigkeit der Quellen

Es handelt sich bei Annoncen also um höchst "flüchtige" Quellen, die aufgrund Ihrer großen Masse zudem so gut wie nicht erschließbar sind, bisher nicht erschlossen wurden und auch in ihrer Gesamtheit gar nicht alle erschlossen werden können. Zudem ist der Quellenwert sehr spezifisch und oftmals recht gering. Gelegentlich erscheinen sie für sich genommen sogar höchst belanglos.

Und trotzdem soll einmal die Aufmerksamkeit auf jene kleinen Wissensvermittler gelenkt werden, wobei vor allem die Frage beantwortet werden soll, inwieweit sich Anzeigen aus der Vergangenheit für die Adelsforschung rentieren. Der Verfasser ist bei seinen Recherchen dabei zu durchaus positiven Ergebnissen gekommen und möchte anregen, sich näher mit Kleinannoncen zu befassen.

III. Welche Zeitschriften sind geeignet für die Adelsforschung?

Es stellt sich zunächst die Frage nach der Auswahl der Zeitschrift oder der Zeitung. Wer etwas über den Adel sucht, tut gut daran, Periodika zu benutzen, die der Adel zu seiner Zeit bevorzugt las. Für das 18.Jahrhundert ist die Auswahl nicht schwer, denn es gab nur wenige Zeitungen in Deutschland. Man sucht sich daher am besten ein regionales Blatt heraus, ist aber in erster Linie auf die Hilfe des Zufalls angewiesen.

Einen Orientierungspunkt bieten konservative Periodika. An überregionalen Zeitungen ist vor allem hervorzuheben die Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), die von 1848 bis 1939 erschien, aber auch die von 1844 bis 1922 erscheinende Konservative Monatsschrift. In erster Linie wird aber das Deutsche Adelsblatt (erschien seit 1883 - mit Unterbrechungen bis in die Gegenwart) für solche Anzeigenauswertungen interessant sein.

IV. Suchmöglichkeiten

Wie aber sucht und findet man nun eine Anzeige zu einer bestimmten Familie? Ein Anhaltspunkt kann eine mögliche berufliche oder private Lebensumstellung einer gesuchten Person sein, beispielsweise ein Personenstandsfall (Heirat, Geburt, Taufe, Tod, Beisetzung), eine Ernennung zu einem Amt oder ein ähnlicher Anlaß. Es gibt andere Anzeigen, die mit Anlässen nichts zu tun haben. Sie sind eigentlich nur zufällig zu finden, können aber teilweise sogar kuturgeschichtlichen Wert besitzen, wie das kommende Beispiel aus der "Kgl. Privilegirten Stettiner Zeitung" aus dem Jahre 1809 beweist:

Diese Anzeige ist deshalb interessant, weil sie mitteilt, wo der Dienstsitz des Kammerpräsidenten war, vielmehr aber auch, wie er gewohnt hat. Seine standesgemäße und sehr vornehme Ausstattung läßt sich auf diese Weise durch jene simple Kleinanzeige in Indizen analysieren.

Anzeigen können aber auch anderes verraten wie eine momentane berufliche Situation, die dem Forscher später vielleicht hilfreich sein kann bei der Darstellung einer Biographie. Nehmen wir dazu ein Beispiel aus der Zeitgeschichte, aus dem Jahre 1963, die im Deutschen Adelsblatt abgedruckt wurde:

Diese zunächst für heutige Begriffe unwichtige, sehr auf die Erreichung eines persönlichen Zieles - nämlich die Erlangung einer bezahlten Wochenpflegestelle - gerichtete Anzeige birgt in sich interessante Auskünfte zur inserierenden Persönlichkeit, denn wertvoll wird diese Anzeige erst durch den Zeitabstand.

Versuchen wir, über jene Inserentin etwas in veröffentlichten Quellen herauszufinden, so stößt man unweigerlich auf Schwierigkeiten. In erster Linie würde man das Genealogische Handbuch des Adels heranziehen. Die Familie v.Schalburg findet sich bei den Adeligen Häusern B im Band XIX von 1990. Aufgrund der Anzeige wissen wir, daß die Inserentin etwa 1939 geboren sein muß. Aufgrund der Vornamenangabe und des ungefähren Geburtsdatums läßt sich dann die Person leicht identifizieren: es handelt sich um die in Neumünster am 17.März 1939 geborene Tochter des 1940 gefallenen Hans-Albrecht v.Schalburg.

Eine Berufsangabe ist im GHdA nicht vorhanden, nur der Hinweis, daß sie seit 1965 mit dem Düsseldorfer Professor Hans Mommsen verheiratet war. Die Anzeige bietet uns also doch erstaunlich viel neue biographische Details. Wir wissen nun, welchen Beruf sie erlernt hat und wo sie 1963 wohnte, außerdem, daß sie aus irgendeinem Grunde den bayerischen Raum bevorzugte. Über die Motive zur Erlangung einer Stelle als Wochenpflegerin sagt die Anzeige freilich nichts aus. Aber dies würde den Rahmen der Bedeutung einer Annonce auch überschreiten.

Wir haben aber gesehen, daß persönliche Angaben durchaus bereichernd wirken können, wollen wir biographische Notizen zu einer Person sammeln. Umsomehr gewinnen die Angaben einer Anzeige an Bedeutung, wenn der Betreffende Inserent bereits verstorben ist und wir kaum noch Auskünfte zu ihm erlangen können, geschweige denn ihn selbst fragen können, wie dies oder jenes in seinem Leben abgelaufen ist.

V. Fundus für biographische Auskünfte

Das vorgenannte Beispiel ist nur eines von vielen, es folgt der Fragestellung der biographischen Aussage über den Inserenten. Umgekehrt kann eine Anzeige aber auch über ihre im Inhalt gebrachten biographischen Aussagen von Dritten interessant sein. Auch hier ein Beispiel von 1959:

Uns interessiert in diesem Fall der folglich um 1943 geborene Sohn. Da die Hagens anders als die Schalburgs mehrere Familien bilden, versuchen wir über die Mutter Blittersdorff fündig zu werden. Und in der Tat, bei den uradeligen v.Hagens aus der Neumark und aus Pommern werden wir fündig: Die Inserentin ist Ada v.Hagen, der gesuchte Sohn ist nach der Geburt von sechs Töchtern der 1942 geborene Gernot, der im GHdA von 1971 als Kaufmann, im GHdA von 1987 als Textilkaufmann ausgewiesen ist. Anhand dieser beiden einzigen Nachkriegsnennungen der Familie im GHdA erfahren wir allerdings noch nichts über seinen Werdegang. Hier hilft die Anzeige. Aus ihr ergibt sich, daß er in Kappeln die Schule besuchte. Auch hier also brachte eine schlichte Zeitschriftenannonce einen kleinen, aber wertvollen biographischen Beitrag zu einer Person, die in einer Anzeige genannt wird.

Ein weiteres Beispiel aus früherer Zeit offenbart ähnliche Lebenslaufstationen. Die Anzeige Nr.73 von 1929 [Seite 44] in der Rubrik "Stellen-Gesuche" nennt sogar eine ganze Reihe von persönlichen Auskünften, beruflichen Fertigkeiten, Interessen und Kenntnissen des Inserenten:

VI. Fundus für weltanschauliche Auskünfte

Neben den rein biographischen Daten der Inserenten oder der in dem Text Genannten kann aber auch die Formulierung der Anzeige inhaltsreich sein und auf gewisse Vorlieben und Geisteseinstellungen hinweisen. Auch hierzu ein Exempel:

Abgesehen davon, daß es sich nunmehr um eine geschäftliche Annonce handelt, sind gewisse Redewendungen doch charakteristisch. Betrachtet man nämlich unvoreingenommen diese Anzeige, wird einem aufgrund der verwendeten Worte "vitaler Status" und "Ruf" auffallen, daß sie nicht von heute stammen kann. Diese Vermutung trügt nicht: sie stammt aus dem Jahre 1969. Sie sagt zudem aus, daß Herr v.Stockhausen esoterisch interessiert ist, da die Handschriftdeutungskunde nicht zu den anerkannten Wissenschaften gezählt wurde.

Man kann aber um diese Anzeige herum noch mehr erkennen. Beispielsweise läßt sich untersuchen, ob Herr v.Stockhausen einen entsprechende Aufmerksamkeit mit seinen Anzeigen erreichen konnte und er daher öfters im Adelsblatt inserierte. Tat er dies, so steht zu vermuten, daß er im Adel tatsächlich eine entsprechende Zielgruppe für sein Angebot gefunden haben mag. Das Ergebnis bestätigt diese Vermutung, denn seit Folge 1 vom Januar 1969 fand sich in jedem Heft seine Anzeige und auch 1970 ließ er die Annonce fortgesetzt erscheinen, und zwar noch bis Mai 1971.

Danach inserierte ein Nichtadeliger mit gleichem Angebot im Adelsblatt zur gleichen Thematik. Handschriftenkunde und die Erkennung von charakteristischen Merkmalen einer Persönlichkeit waren also zur damaligen Zeit durchaus im Adel in einem gewissen Grade anerkannt.

Esoterische Praktiken sind aber nur eine weltanschauliche Auskunft über persönliche Vorlieben Adeliger, die sich selbst aus Annoncen herauslesen lassen. Denn vor allem in der Weimarer Republik und in den ersten Jahren des Dritten Reiches wurden auch völkische und nationalsozialistische Maximen und Ziele von den Damen und Herren Inserenten in deren Kleinanzeigen aufgenommen. Beispielhaft kann hier eine Anzeige der Rubrik "Sonstiges / Verschiedenes" des Königliche Preußischen Offiziers v.Bülow aus Arendsee gelten, der im Adelsblatt von 1928 [Seite 240] nicht nur antisemitisch, sondern auch kinderfeindlich agierte:

VII. Fundus für Informationen zu Lebensweisen

Gelegentlich läßt sich auch etwas über die Lebensweisen des Inserenten durch eine Kleinanzeige erfahren, wie wir bereits im Fall der Heydebreckschen Möbel sehen konnten. So schreibt die aus thüringischem Uradel stammende Fischbeker Stiftsdame und Schwester vom Roten Kreuz Jutta Freiin v.Werthern (*1897) im Jahre 1959 im Deutschen Adelsarchiv:

Wie zu vermuten steht, wurden die heute im privaten Alltagsleben fast völlig außer Gebrauch gekommenen Livreen von der Inserentin abgegeben, weil sie selbst kein Interesse und auch keine Möglichkeit mehr sah, sie ensprechend zu benutzen, ganz abgesehen davon, daß Hausangestellte in der Nachkriegszeit teuer waren. Immerhin kann unterstellt werden, daß die Livreen ihr gehören und sie bzw. wohl mehr ihr Vater Wolff Frhr.v.Werthern (1854-1930) als Fideikommißherr, Erbadministrator, Kammerherr und Rittmeister früher vermutlich blaulivrierte Diener beschäftigt hat.

VIII. Ergebnisse

Fassen wir die vorgenannten Beispiele und Ausführungen noch einmal zusammen: Anzeigen als historische Quelle sind zwar in vielerlei Beziehung bemerkenswert, doch aufgrund ihrer großen Masse kaum auszuwerten und zu finden. Sie bieten kulturhistorische, persönliche und biographische Informationen über Inserenten, Verwandte von Inserenten oder andere genannte Beteiligte an.

In der Auswahl der Anzeigen gibt es nur wenig Orientierungspunkte wie persönliche Daten. Abhilfe können für bestimmte besonders vom Adel bevorzugte Periodika mit Kleinanzeigen Register sein. Für das Deutsche Adelsblatt sind solche Register vom Institut Deutsche Adelsforschung in Planung, für die Jahre 1945 bis 1959 bereits abgeschlossen und online zugänglich.

Besonders interessant sind die Kleinanzeigen in politischen und sozialen Umbruchzeiten. Dann wird in ihnen auch ein Richtungswandel im Adel deutlich, z.B. in Gesuchen um Arbeitsstellen nach 1918 und nach 1945.

Durch das vorliegende im Juli 2001 begonnene Indexierungsprojekt des Instituts Deutsch Adelsforschung ist es geplant, sukzessive die erschienenen Kleinanzeigen des Deutschen Adelsblattes aus der Zeit von 1883 bis 1945 - also besonders der Zeit, als der preußische Adel noch im vielfach Osten lebte - zu erfassen und damit den Zugang zu einer ungewöhnlichen kultur- und familiengeschichtlichen Quelle ersten Ranges, die noch manche Überraschungen in sich birgt, zu gewähren. Für alle anderen Periodika ist man wohl leider vielfach auch in Zukunft noch auf Zufallstreffer angewiesen!

Register werden von uns immer von einzelnen Jahrgängen angefertigt und online gestellt, sobald ein Jahrgang komplett erfaßt wurde. Innerhalb der Jahrgänge ist dann alphabetisch sortiert. Zur Verfügung stehen ab Februar 2003 Register für die folgenden Jahrgänge des Adelsblattes:

© Claus Heinrich Bill, Gepr. Ökowirt (SÖH)


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Zuerst online gestellt am 05.02.2003