Institut Deutsche Adelsforschung
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Georg v.Wilamowitz-Moellendorff (1893-1943)

Biographie eines "Höllenmaschinen"-Attentäters und gesprengten U-Boot-Kommandanten

Eine schillernde und interessante Persönlichkeit des deutschen Adels ist der in der gefallene U-Boot-Führer Georg v.Wilamowitz-Moellendorff. Er entstammte einer freiherrlichen Familie, in der seit 1864 Primogeniturrecht galt (es erhielten nur die Erstgeborenen den Freiherrentitel). Geboren wurde er am 7.November 1893 in Weimar als Sohn des Tello v.Wilamowitz-Moellendorff (1843-1903), Kgl. Preußischen Oberstleutnants, und dessen Gemahlin Margot v.der Lancken-Wakenitz (1852-1913), die er beide bereits in jungen Jahren verlor. Im Alter von 20 Jahren war er Vollwaise geworden. am ersten Weltkrieg konnte der Jugendliche noch aktiv teilnehmen, was sein großer Wunsch gewesen ist. 1915 stand er als Seekadett auf S.M.S. Hertha. Nach der Revolution vom 9.November 1918 und dem Sturz der Monarchie wurde er als Kaiserlich Deutscher Oberleutnant zur See verabschiedet.

Er entwickelte sich in den Folgejahren zu einem strikten Gegner der republikanischen Staatsform und der Demokratie und der Weimarer Republik. Beruflich wurde er nach Kriegsende "Kaufmann" und ließ sich spätenstens 1924 als solcher in der Hansestadt Hamburg nieder.

Hier wurde er nicht nur Mitglied des "Wehrwolf - Bund deutscher Männer und Frontkrieger e.V.", sondern avancierte in dessen Landesverband Nordmark sogar zum Geschäftsführer. Aktiv unterstützte er die Wehrwolfpolitik im Norden Deutschlands an der Elbe sowie zwischen Nord- und Ostsee. Daher zuerst etwas zur politischen und weltanschaulichen Ausrichtung des Verbandes, den er in Norddeutschland als Funktionär vertrat.

Gegründet wurde der Wehrwolf unter der Führung des Hallenser Studienrats und Hauptmanns der Reserve Fritz Kloppe am 11.Januar 1923 im Ruhrkampf mit dem Ziel der Verteidigung Deutschlands gegen den äußeren Feind. Der neunational-völkische Verband, der sich die Form einer politischen Wehrbewegung gab, hatte als prägenden Grundsatz das Kriegserlebnis des Frontsoldatentums, welches Tapferkeit, Manneszucht und Kameradschaft als oberstes Zeil des Wehrwolfs in allen Bereichen proklamierte.

Daraus resultierte eine grundsätzliche Ablehnung einer bedingungslosen Friedensbereitschaft als Grundhaltung staatlichen Lebens. Verweichlichung und Pazifismus wurden als Grundübel angeklagt, sie "kosten den Völkern, die ihnen anheim fallen, mehr Blut und Leiden als kriegerischer Sinn und wehrhafter Geist und führen zu ihrem Untergang. Wir bejahen den Krieg, weil wir ohne ihn keine Möglichkeit sehen, die deutsche Frage zu lösen."

Zum Symbol wählte sich der Wehrwolf die Wolfsangel, jene von Hermann Löns so oft verwendete Rune, die sich weit über das völkische Lager verbreitete. Wehrhaftigkeit gehörte somit zu den vornehmlichsten weiteren Zielen des Wehrwolfs, wobei sie sich nicht als politischer Wille allein verstanden werden sollte, also nicht "aus Freude am Turnen oder am Sport, sondern weil eine solche die Vorbedingung eines wehrhaften Sinnes und einer deutschen Selbstzucht ist. Ohne dauernde Betätigung im Wehrsport erfüllt kein Kamerad seine Aufgabe."

Hieraus wurde bereits deutlich, daß der Wehrwolf zu jenen Organisationen gehörten, die Gewalt als Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln befürworteten, was sich auch später in Schleswig-Holstein durch Verstrickung führender Wehrwölfe ( u.a. Georg v.Wilamowitz-Moellendorff) in Bombenanschläge und Attentatsversuche zeigte. Ein Wehrwolflied lautete treffend: "Unser Glaube sind Gewehre, Gerechtigkeiten gibt es nicht - wir kämpfen im schwarzen Heere, das einmal Deutschlands Ketten bricht."

Die politische Auffassung richtete man gegen "das System eines undeutschen Parlamentarismus, gegen eine Formaldemokratie ohne Inhalt, gegen die Vorherrschaft der Parteien und der hinter diesen stehenden Geldmächte", ferner gegen "alle Lauen, Halben und Unentschlossenen" und man war als Anhänger einer aristokratischen Staatsform der Überzeugung, daß nur eine politisch aktive Elite zur Führung des Volkes berufen sein könne. Als diese erlesene Minderheit sah sich der Wehrwolf. In dieser Zielvorstellung einer Ablehnung jeden Massengedankens unterschied sich der Wehrwolf von den Nationalsozialisten, welche eindeutig auf die Gewinnung und Mobilisierung der Volksmasse ausgerichtet waren.

Der speziell bündische Charakter des Wehrwolfs offenbarte sich im Anspruch, daß "nicht Besitz oder der Stand, sondern Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft und Opferbereitschaft berechtigen zum Führen."

Der neue Staat, der aus Deutschland, den verlorenen Gebieten und Deutsch-Österreich bestehen sollte, müsse ein Einheitsstaat sein, in dem sich die kulturelle und wirtschaftliche Selbstverwaltung auf heimatbedingte Stammesgebiete (Gaue) stütze. Ähnlich wie auch die Nationalsozialisten schürte der Wehrwolf den Wunsch nach einem angeblich idealen Staatsgebilde: "Unser Hauptziel: das dritte Reich! D.h. wir wollen aus diesem korrupten, faulen, von jüdischen Demokraten und Kapitalistenknechten gebildeten und regierten Staat durch Revolution ein neues Reich mit nationalistischer Grundlage bauen ... So wird und muß der Wehrwolf, der nie eine Massenbewegung werden kann, den Kern bilden zu der Führerschicht, die die Massen des deutschen Volkes dereinst zum Sturm gegen den Novemberstaat führen wird; auf dessen Trümmern hinein ins dritte Reich."

Wirtschaftspolitisch wandte man sich entschieden gegen jede Art der internationalen Verflechtung, man sah in erster Linie die Unabhängigkeit Deutschlands von Hochfinanz, Freimaurerei und übertriebenem Montanismus als wichtigstes Ziel an; ein weiterer Punkt sei die Verwirklichung des Possedismus (lat.possedere = besitzen), der geistigen Grundlage einer gesunden Volkswirtschaft, in der mit der "Erhaltung der Einzelpersönlichkeit"  nicht die Wirtschaft, sondern der Geist "das Schicksal des Volkes" sei.

Nur die Bewußtwerdung nationaler Größe und Würde könne auf jedem Gebiet Fortschritte bringen: "Volk ist lebendige Einheit, Menschheit ein leerer Sammelbegriff." Man verurteilte dementsprechend auch die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft durch "eingewanderte Angehörige artfremder Völker" und verlangte die Aberkennung derselben bei "rassenfremden" Einwohnern.

Der Wehrwolf sah sich aber auch als soziale Bewegung, strebte eine Versöhnung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern an, lehnte aber jede Beteiligung fremdländischer Faktoren rigoros ab, wünschte eine Förderung des physiokratischen Prinzips und damit die Zurückdrängung der Börsenspekulation, Geldverwaltung und -verschiebung zugunsten der Kraft der schaffenden Tat.

Dabei war man ein Feind jeder Gleichheit und jedes liberalen Gedankens, Gegner des Kapitalismus wie auch des Sozialismus, obwohl der Gewerkschaftsgedanke auch im Wehrwolf mit Einschränkungen lebendig war: "Gewerkschaften, die sich nicht bewußt zum nationalen Gedanken bekennen, sind keine Kampfinstrumente für die Freiheit der deutschen Arbeiterschaft." Freiheit wurde hier als die Freiheit verstanden, unter einem diktatorischen Wehrwolfregime, etwa im Rousseau'schen Sinne einer "vertueux", einer tugendhaften Minderheit, einer nur ihrer Moralvorstellungen gegenüber verantwortlichen elitären Erlesenenschar aus freiem Willen zu dienen.

Vom Europa- und Völkerbundgedanken hielt man nichts, wohingegen großdeutsche Pläne, die auf eine Rückführung der durch den Versailler Vertrag abgetretenen Gebiete wie auch eine Wiedereingliederung abgetretenr Gebiete abzielten, zu den vorrangigsten außenpolitischen Zielen gehörten, wobei aber einer monarchisch-dynastischen Staatsform eine eindeutige Absage erteilt wurde.
"Selbstbesinnung auf deutsche Tüchtigkeit, deutschen Stolz und deutschen Sinn" in jeder Beziehung sollten den sich zur nationalen Revolution bekenneden Verband "im Kampf um Deutschlands geistige, politische, gesellschaftliche und staatliche Neugeburt" behilflich sein.

Georg v.Wilamowitz-Moellendorff, der diese vorgenannten Ziele teilte, gehörte dem Landesverband Nordmark an. Entstanden war dieser in Schleswig-Holstein etwa zur Jahreswende 1923/24 vor allem im Kreis Rendsburg. Wehrwolfmitglied war außerdem der völkische gesinnte Lübecker General Curt v.Morgen. Nach Zuwachs wurde der Landesverband wohl um 1925 in die Gaue Groß-Hamburg, Mittelholstein,  und Schleswig eingeteilt.

Die Bezirksgruppen des Wehrwolfes innerhalb der Gaue wurden von Hambugrer Großkaufleuten unter Vermittlung des Generals außer Diensten Helfritz finanziert. Im Hamburger Bereich bestanden drei Bezirksgruppen: 1.Bezirksgruppe -  nur Hamb.Mitglieder, Führer Kfm. Karl Bald, 2.Bezirksgruppe -  Führer Doktor August Hellmann, 3.Bezirksgruppe -  Führer Kornmesser. Der Verband war selten stabil, da viele völkische Gruppen sich Konkurrenz machten; so wanderten einige Gruppen zum Ludendorff nahestenhenden "Verband hindenburg" ab, andere wiederum traten in den frühen dreißiger Jahren der NSDAP bei oder der SA der NSDAP.

Während der Wehrwolf republikweit gut 30.000 Mitglieder hatte, brachte er es im Landesverband Nordmark in seiner Blütezeit 1930 auf nicht mehr als etwa 300. Für 1930 wurde die Bundesparole ausgegeben, daß man bei Wahlen möglichst radikale Parteien wählen solle, um die Regierungsbildung zu erschweren. Die Landesverbandsführung jedoch verwarf diese Parole auf einer Rendsburger Tagung als zu gemäßigt und forderte die Mitglieder zum vollständigen Wahlboykott auf: Wahlbeteiligung in irgendeiner Art sei immer "Anerkennung des parlamentarischen Systems, jedenfalls Verweigerung der revolutionären Idee", deshalb gehe man am besten überhaupt nicht zur Urne.

Zu den herausragenden norddeutschen Mitgliedern gehörte der Chemiker und Sachverständige für die Verfrachtung von Sprengstoffen bei der HAPAG, Dr. rer. nat.August Hellmann. Zunächst führendes Mitglied im Niederdeutschen Heimatbund (NHB), trat er bald dem Wehrwolf bei und war außerdem Mitglied im völkisch orientierten Nationalverband Deutscher Offiziere (NDO).

Ferner war er bereits zweimal wegen unerlaubten Waffenbesitzes und einmal wegen Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz vorbestraft. In mehrfachen Gesprächen hatte er bekannt, den Staat bis zum Äußersten zu bekämpfen. Weil er von dieser Idee wie auch vom reichlichen Alkoholgenuß nicht abrücken wollte, nahm er sogar die Auflösung seiner Verlobung in Kauf.

Nach Erörterung der Ziele des von Georg Friedrich Freiherr v.Wilamowitz-Moellendorf vertretenen Verbandes und der Vorstellung seines engsten Mitkämpfers Doktor Hellmann kommen wir nun zu ihm selbst. Beide sahen ihre große Chance auf eine Durchsetzung ihrer gewaltbereiten Politik mit dem aufkomen der bombenatentae der Kandvolkbewegung unter Claus Heim und Hamkens ab 1928 gekommen. Hellmann und v.Wilamowitz beschlossen daher bald, sich an die Popularität der Bauernbewegung anzuschließen: Am Abend des Tages der Annahme des Youngplanes im Reichstag hatte die Wehrwolf-Bundesleitung dazu aufgefordert, überall im Reich Feuer zu entzünden, um die Nichtanerkennung der auf Verhandlungen beruhenden Bestimmung durch das Verbrennen von Papier symbolisch auszudrücken.

Hellmann und v.Wilamowitz entschlossen sich jedoch, ein deutlicheres Zeichen zu setzen und benutzten dazu die von Hellmann in seinem HAPAG-Labor gefertigten von ihnen selbst sogenannten "Höllenmaschinen" (Bomben), die sie an Behörden explodieren lassen wollten, um damit symbolisch einen Anschlag gegen den Staat zu führen. Ihr Plan gelang, denn in der Nacht zum 15.März 1930 explodierten, nachdem sich die Bombenleger vom Tatort entfernt hatten, an den Finanzämtern von Neumünster und Bad Oldesloe je eine Bombe, die erheblichen Sachschaden verursachten.

Da die beiden Bombenleger aber nicht alle Spuren verwischt hatten, kam die Polizei bald auf deren Spuren und ließ sie suchen. Als v.Wilamowitz davon erfuhr, settze er sich zwei Wochen nach den Anschlägen aus Schleswig-Holstein ab und und trat eine neue (scheinbar hauptberufliche) Tätigkeit als Geschäftsführer des Wehrwolf-Gaues Elbe-Elster an. doch wurde er bald darauf wie Hellmann auch verhaftet und vernommen. Da sie der Täterschaft an den Bombenattentaten überführt wurden, erhielten sie nach einer Gerichtsverhandlung im Dezember 1930 vom Altonaer Schwurgericht eine Strafe von fünf Jahren (Hellmann) und fünf Jahren und einem Monat (v.Wilamowitz) Zuchthaus. Georg v.Wilamowitz wurde daraufhin in die hessische Strafanstalt Kassel-Wehlheide eingeliefert. Aufgrund einer Anordnung des preußischen  Inneministeriums kamen er jedoch im Juni 1932 wieder frei.

In nationalsozialistischer Zeit gründete er 1938 durch die Heirat mit Ella Sofia Petersen (geboren 1900), einer geborenen Kapitänstochter von der nordfriessichen Insel Föhr, eine Familie, blieb aber kinderlos. Beruflich wandte er sich dem Reichsarbeitsdienst (RAD) zu und war im Jahre 1939 hauptberuflich dort tätig. Sein Einsatz führte ihn als Oberarbeitsführer des RAD nach Primkenau in Schlesien. Danach ist er im zweiten Weltkrieg, vielleicht auch schon zuvor, in der deutschen Kriegsmarine als Offizier reaktiviert worden. Als U-Boot-Kommandant hatte er sich einen Namen als "der wilde Moritz" gemacht.

Seit dem 6.August 1940 kommandierte er U 2, welches bis zum Oktober 1941 sein Arbeitsgebiet blieb. Sein letztes Kommando erhielt er über das Versorgungs-U-Boot U 459 am 15.November 1941, bevor er am 1.Juni 1942 zum Korvettenkapitän ernannt wurde. Als U 459 im Atlantik nordwestlich von Cape Ortegal nach einem britsichen Luftangriff stark beschädigt worden war, ließ der 49jährige ehemalige Attentäter Sprengladungen am Boot anbringen und versank nach deren Zündung mit seinem Boot in den Fluten des Atlantik am 24 Juli 1943.

Benutzte Quellen für den vorigen Aufsatz:

  • Gothaische Genealogische Taschenbücher, Uradel, Jg.LXV, Gotha 1915, S.1083
  • Gothaische Genealogische Taschenbücher, Uradel, Jg.LXXV, Gotha 1925, S.677
  • Gothaische Genealogische Taschenbücher, Uradel, Jg.LXXXIX, Gotha 1939, S.584
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Frhrl. Häuser, Bd.VIII, Limburg an der Lahn 1982, S.475
  • Genealogisches Handbuch des Adels, Frhrl. Häuser, Bd.II, Glücksburg 1957, S.525
  • Fritz Brustat-Naval / Teddy Suhren: Nasses Eichenlaub, Berlin 1995, S.115
  • Günther Böddecker: U-Boote im Netz. Karl Dönitz und das Schicksal der deutschen U-Boot-Waffe, Berg.-Gladbach 1981, S.233 u.S.377-378
  • Schl.-Holst. Landesarchiv zu Schleswig, Abt.309 Nr.22786: Protokolle der Vernehmungen des Georg Friedrich v.Wilamowitz-Moellendorff vom April 1930, Bl.405-408 und vom 1.Juli 1930
  • Schl.-Holst. Landesarchiv zu Schleswig, Abt.301 Nr.4702: Geheime Zusammenstellung des Kriminalkommissars Köhler in Kiel vom 24.März 1930 über die Verdachtsmomente, die eine Täterschaft des Georg Friedrich v.Wilamowitz-Moellendorff  und des Dr. Hellmann wahrscheinlich machen, S.1-2 u.S.4-5
Autor: Claus Heinrich Bill M.A. B.A.

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