Institut Deutsche Adelsforschung
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Kleines ABC zum deutschen Adel

Namen, Verbände, Daten, Fakten aus fünf Jahrhunderten

Die vorliegende Webseite ist Teil eines kleinen virtuellen Lexikons betreffend herausragende Persönlichkeiten des deutschen Adels der Neuzeit sowie adelseigene Begriffe und Institutionen. Neben einer thematischen Einleitung zum Gesamtwerk finden Sie hier auch Register aller Artikel im Lexikon auf der Verzweigungsseite.
 

Bentheim-Tecklenburg, Adolf 5.Fürst zu

Adelsfunktionär, Durchlaucht, * Rheda 29.Juni 1889, † Köln 14.Januar 1967.

B. besuchte zunächst das Humanistische Gymnasium zu Gütersloh, trat 1909 beim Potsdamer Leib-Garde-Husaren-Regiment ein, erhielt im April 1910 sein Leutnantspatent und wurde 1913 als Attaché zur Botschaft in London kommandiert. Von Kriegsausbruch 1914 an stand er an der Front, zuerst in Frankreich, dann im Osten. Eine schwere Verwundung durch sein auf ihn gefallenes erschossenes Pferd unterbrach wegen eines gesplitterten Beines für längere Zeit seinen Frontdienst. Außerdem war er fast drei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft, zuletzt in Chaborowsk bei Wladiwostok.

Er flüchtete jedoch 1918 mit Kameraden in einer gekauften Lokomotive und mit russischen Waggons sowie gefälschten Papieren und in Verkleidung bis nach St.Petersburg. Hier erreichte er es, durch Verhandlungen mit der schwedischen Gesandtschaft, wieder zu den deutschen Linien durchzukommen. Seine letzte Dienststellung war die eines Rittmeisters beim Stab des Chefs des Generalstabes des Feldheeres. Seinem Regiment blieb er auch über die Revolution hinaus treu und wurde nach 1918 Vorsitzender der Offiziersvereinigung. Er trat außerdem in den "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" ein und wurde Führer der Inspektion West der Kraftfahrstaffeln des Bundes in der Weimarer Republik. Auch dem Aufbau westfälischer Reitervereine widmete er sich, auch nahm er das Protektorat  von zahlreichen Kriegervereinen an.

Nach dem Rücktritt Friedrich v.Berg-Markienens (1866-1939) wurde B., der sich nach 1918 der Standespolitik zuwandte, 1932 dessen Nachfolger als Adelsmarschall der Deutsche Adelsgenossenschaft. B. leitete die Entwicklung der Adelsgenossenschaft von einer Art interessengesteuerter Gewerkschaft von Standesgenossen hin zu einer "Kampf- und Blutgemeinschaft". Er bemühte sich um eine weltanschauliche Vereinigung des Adels mit dem Nationalsozialismus, um den Adel zu erhalten, aber auch, um ihn mit den Zielen Hitlers zu verschmelzen.Anfangs zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten glaubte er, daß sich mit hitler ein Aufsteig der Wirtschaftskraft und des Volkslebens verbinden ließe und forderte seine Standesgenossen dazu auf, sich der neuen Führung anzuschließen.

1934 gab er bei einer Audienz Hitler eine Denkschrift der Deutsche Adelsgenossenschaft, die betonte, wie wichtig es sei, daß der Adel als jahrhundertelang geschulte Führungselite auch im Dritten Reich diese Elitefunktion übernehmen müsse. Die biologische Trennung der deutschen Volksteile in "Arier" und "Nichtarier" wurde von ihm frühzeitig bejaht. dies ging soweit, daß B. auf den Adelskapiteln den Führern der Landesabteilung sein Amt anbot, wenn der in den zwanziger Jahren bei der Genossenschaft eingeführte Arierparagraph nicht verschärft würde. Er erklärte, es sei eine historische Tatsache, daß Adel eine biologische Auslesegemeinschaft sei und deshalb müßten jetzt die Familien, die "unter dem Einfluß einer verflossenen Ideenwelt" sich am Adel als Korporation vergangen hätten, ausgeschlossen werden. Er erfüllte damit den Wunsch mancher anderer Protagonisten einer biologischen Einteilung des deutschen Adels wie Carl v.Behr-Pinnow (1864-1941) oder Fritz v.Bodungen (1879-1943). Tatsächlich mußten daraufhin einige Familien die Genossenschaft zwangsweise verlassen. B. gelang es zwar nicht, dem Adel führende Positionen im neuen Staat zu reservieren, aber er verhinderte durch seine Angleichungspolitik vermutlich das Verbot der Adelsgenossenschaft, die unter dem Dritten Reich bis zuletzt existieren konnte.

In seinen öffentlichen Verlautbarungen, die im Deutschen Adelsblatt (1883-1944) erschienen, nimmt er gegenüber der staatlichen Führung eine positive Stellung ein. Er befürwortete 1933 die Machtübernahme Hitlers. Auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten für Adelige, wieder als Berufsoffizier zu dienen, begrüßte er ausdrücklich, ebenso die Angliederung des Saarlandes an das Deutsche Reich.

Seit 1938 behielt es sich B. vor, Heiraten der Mitglieder der Adelsgenossenschaft nach biologischen Gesichtspunkten zu überprüfen und zu genehmigen oder abzulehnen. 1944 verurteilte er scharf das Attentat auf Adolf Hitler und mißbilligte das Verhalten Stauffenbergs. Doch schwand während des Krieges B.s Einfluß in der Deutsche Adelsgenossenschaft mehr und mehr und obwohl er nominell noch Adelsmarschall war, wurde die Politik und Geschäftsführung doch weitgehend von seinem Stellvertreter, General Freiherr Walter v.Schleinitz, geführt.

Bis 1956 blieb B. Adelsmarschall, trat aber nicht mehr in dieser Funktion auf, weil die Deutsche Adelsgenossenschaft in ihrer alten Ausrichtung politisch unerwünscht war. Sein Engagement verlegte er nun auf die neuen Nachkriegsorganisationen des Adels. Eine neue lokale Adelskorporation verdankt seiner Inititative die Existenz: Von 1952 an war er über ein Jahrzehnt Vorsitzender der Genossenschaft des Deutschen Adels in Westfalen, bevor er 1966 aus Altersgründen in Münster zurücktrat und die Mitgliederversammlung ihm die Ehrenmitgliedschaft verlieh. Schließlich verstarb B. im 78.Lebensjahr Anfang Januar 1967 an den Folgen eines tragischen und schweren Autounfalls, da sein Wagen in der Nähe von Rheda auf einem unbeschränkten Bahnübergang von einem Eiltriebwagen erfaßt worden war.

Werke (Auswahl): Unser Weg, in: Deutsches Adelsblatt, Jg.LII, Berlin 1934, Nr.1 vom 1.1.1934, S.1-3 (betr. den Ausschluß ihm nicht genehmer Adelsfamilien aus der Genossenschaft) --- Das Fortbestehen der Gothaischen Genealogischen Taschenbücher gefährdet, in: Deutsches Adelsblatt Nr.41 vom 8.10.1932, S.569 --- Warum die Deutsche Adelsgenossenschaft? Ein Mahnruf!, in: Deutsches Adelsblatt Nr.1 vom 1.1.1933, S.1 --- Organisationsänderungen in der Deutschen Adelsgenossenschaft, in: Deutsches Adelsblatt Nr.1 vom 1.1.1933, S.3 --- An den reinblütigen deutschen Adel, in: Deutsches Adelsblatt Nr.38 vom 16.9.1933, S.661 --- Nationalsozialismus ist Adel, in: Deutsches Adelsblatt Nr.16 v.14.4.1934, S.277-278 --- Die Ahnentafel (Aufruf des Adelsmarschalls), in: Kreuz-Zeitung, Berlin, Ausg. vom  19.4.1934 --- An den reinblütigen Deutschen Adel!, in: Deutsches Adelsblatt Nr.17 vom 21.4.1934, S.293 --- Anordnung (betr. den Ehrenschutzbund des deutschen Adels), in: Deutsches Adelsblatt Nr.19 vom 5.5.1934, S.325-326 --- Gestaltwandel im deutschen Adel, Zu den Aufgaben der Deutsche Adelsgenossenschaft, in: Deutsches Adelsblatt Nr.22 vom 29.5.1937, S.701 --- Fünfzig Jahre Zentralhilfe (der Deutsche Adelsgenossenschaft), in: Deutsches Adelsblatt Nr.18 vom 30.4.1938, S.591 --- Bekanntmachungen der Deutsche Adelsgenossenschaft, betr. Genehmigung des Adelsmarschalls für Heiraten der Deutsche Adelsgenossenschaft-Mitglieder, in: Deutsches Adelsblatt Nr.48 v.26.11.1938, S.1633 --- Mitteilung (Stellungnahme der Deutsche Adelsgenossenschaft zum Attentat vom 20.Juli 1944), in: Deutsches Adelsblatt, Jg.LXII, Berlin 1944, S.50

Quellen und Schrifttum: Iris Freifrau v. Hoyningen gen. Huene: Adel in der Weimarer Republik. Die rechtlich-soziale Situation des reichsdeutschen Adels 1918-1933, Limburg Lahn 1992, S.72-73 --- Freiherr Max Heereman v.Zuydtwyck und Fürst Christian zu Bentheim-Steinfurt: Nachruf auf Adolf Fürst zu Bentheim-Tecklenburg, in: Deutsches Adelsblatt, Jg.VI (1967), S.17 und 41 --- Deutscher Offizier-Bund (Hg.):Ehrenrangliste des ehemaligen Deutschen Heeres, Berlin 1926, S.395 --- Rangliste der Königlich Preußischen Armee, Berlin 1914, S.357 --- Biographica in: Deutsches Adelsblatt vom 9.7.1932 --- Deutsches Adelsblatt vom 30.6.1934 --- Die Welt vom 1.12.1966 (Bildarchiv du Roveray, Hamburg) --- Deutsches Adelsblatt, Jg.V (1966), S.235
 


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