Institut Deutsche Adelsforschung
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Kleines ABC zum deutschen Adel

Namen, Verbände, Daten, Fakten aus fünf Jahrhunderten

Die vorliegende Webseite ist Teil eines kleinen virtuellen Lexikons betreffend herausragende Persönlichkeiten des deutschen Adels der Neuzeit sowie adelseigene Begriffe und Institutionen. Neben einer thematischen Einleitung zum Gesamtwerk finden Sie hier auch Register aller Artikel im Lexikon auf der Verzweigungsseite.

Adelshistoriographie

Umfaßt die gesamte erschienenen Literatur über oder zu dem Adel als Korporation und beschreibt Tendenzen und Merkmale der Geschichtsschreibung in der chronologischen Entwicklung. Wichtig sind dabei Umfang, Intensität und Themenwahl der Geschichtsschreiber, die Vorlieben und Moden verschiedener Epochen für gewisse erkenntnisleitende Fragestellungen.

Betrachtet man sich zunächst die Entwicklung der bibliographischen Adelslandschaft in Bezug auf die Zeitschriftenliteratur, so beschäftigte sie sich in den ersten Jahrhunderten der Geschichtsschreibung vor allem mit genealogischen Werken, zu denen sich dann ab dem 19.Jahrhundert vermehrt auch Aufsätze zu rechtlichen Fragen und deren Erörterungen gesellten; dies blieb bis 1918 bei. Auch kulturelle Interessen fanden nun Eingang in die Literatur zur deutschen Nobilität.

Recht schlagartig begann schon bald nach Kriegsende zu Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die biologische Frage aufzukommen und damit eine Diskussion um einen Neuadel auf züchterischer Basis. Die Behandlung der Rassenfrage, die sich vor allem gegen Semiten richtete und deren Hauptzeit bis 1945 andauerte, wurde interessanterweise nicht etwa zuerst von den Völkischen angesprochen wurde, sondern von Juden selbst.

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg fanden wiederum vermehrt soziologische, statistische und übergreifende Untersuchungen Interesse. Statistische Arbeiten rühren seit etwa 1920 vor allem durch die beiden Isenburg her, sie wurden die geistigen Eltern einer umfangreichen neuen Bewegung zur Adelsstatistik. Von der Intensität der Erscheinungshäufigkeit her läßt sich das 19.Jahrhundert als Höhepunkt bezeichnen; in diesem Zeitraum erschienen die meisten Monographien und Aufsätze. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 und der versuchten Schaffung eines geistigen Neuadels ließ das Interesse am Adel nach, und nur noch wenige Artikel wurden erstellt, nun dominierte bestenfalls noch der Auslandsadel, die adelige Sippenforschung und die Mentalitätsgeschichte. In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 gab es fast keine Veröffentlichungen mehr zum Thema Adel.

Die Zeitschriftenliteratur zum Thema wandte sich erst ab Anfang der 50er Jahre vermehrt methodischen Fragen des Adels zu, jetzt wurde besonders die adelige Mittelalterforschung betrieben. Waren bis 1945 hauptsächlich ideengeschichtliche Beiträge zu verzeichnen, so erlebte die Adelsforschung nach dem zweiten Weltkrieg eine Versachlichung, eine Hinwendung zur mehr wissenschaftlichen Analyse. Das mag auch damit zusammenhängen, daß der Adel nun weniger als politischer oder rechtlicher Stand in aktueller Zeit behandelt werden konnte, als damit, daß das Thema der mittelalterlichen Forschung von der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung  in diesem soziologischen und übergreifenden Aspekt kaum besetzt worden war.

Vor allem auch Arbeiten zur Vor- und Frühgeschichte des "Adels" - wenn er für jene Epoche vor 1200 überhaupt schon so bezeichnet werden kann - hielten bis zur Jetztzeit an und teilte sich die Aufsatzliteratur weiterhin mit der regionalen Genealogie.

Zu allen Zeiten gab es besonders eifrige und häufig vertretene Adelshistoriographen der Zeitschriftenaufsätze, genannt seien nur Theodor Schön für Süddeutschland, Bernhard Koerner für Norddeutschland, dann die Mitglieder des preußischen Heroldsamtes, Kammergerichtsrat v.Owstien und Stephan Kekule v.Stradonitz für das Adelsrecht, Albrecht Frhr. v.Houwald für die Adelsbiologie, in neuester Zeit Johann Karl v.Schröder für das Nobilitierungswesen. Viele dieser Verfasser schrieben für die Zeitschrift "Deutscher Herold", in dem überproportional viele Artikel zum Thema Adel abgedruckt wurden und auch noch heute werden.

Ganz ähnlich verlief die Entwicklung im Bereich der selbständig erschienenen Adelsliteratur, die bereits mit dem 16.Jahrhundert einsetzte und sich zunächst in rechtliche und genealogische Werke teilte. Zwar sind sie im Stil schwerfällig, im (genealogischen) Informationswert eingeschränkt, doch zum Teil noch heute wichtige Grundlagenwerke, etwa wenn es um den Abdruck von frühen Gesetzestexten geht, die den Adel betreffen. Aber auch mentalitätsgeschichtlich bieten sie eine ungeheure Fülle von Material für soziologische und rechtliche Untersuchungen. Bei den genealogischen Arbeiten dieses und des folgenden Zeitraumes ist jedoch Vorsicht geboten. Man konstruierte oft Verbindungen, die nicht bestanden, um das Stammtafelbild schöner gestalten zu können - ein Verfahren, daß im 17. bis 19. Jahrhundert üblich war und nicht einmal als unwissenschaftlich galt.

Zu allen Zeiten gab es aber auch eine andere Randerscheinung der Adelsliteratur, die zwar zahlenmäßig äußerst gering war, aber beachtenswert. Es handelte sich um die kuriosen und satirischen Werke mit Titel beispielsweise wie: "Gute Nacht, Erbadel. Von einem Fürsten gewünscht" (18./19.Jh.), "Adel und Udel" (1938) oder Gregor Rezzoris "Idiotenführer durch die deutsche Gesellschaft - Adel und Hochadel" (1962). Bei aller Humoristik oder beißendem Spott bieten sie doch eine ungewohnte Sichtweise auf den Adel als Korporation in seiner Zeit.

An Kuriosa seien weiter erwähnt die Streit- und Reformschriftenkultur, die recht umfangreich ist und  Auseinandersetzungen zweier oder mehrerer intellektueller Konkurrenten oft in vielen Folgen nach sich zog. Sie werfen wegen ihrer beabsichtigten Subjektivität ein bezeichnendes Licht auf die Selbstbefindlichkeit des Adels oder die Sicht des Bürgertums auf die Nobilität. Bei den selbständig erschienenen Schriften fand die Hochblüte an Menge, nicht immer an Qualität, im 19. und 20.Jahrhundert statt und schlug sich in vielen Streitschriften und adelsrechtlichen Werken nieder.

Mit der Zeit verschwanden die langen Titel der Barockzeit, die Texte wurden prägnanter. Ungebrochen durch alle Zeitläufte behautete sich jedoch die genealogische Adels-Literatur, immer dreigeteilt in Lexika, Sammelgenealogien und einzelne Familiengeschichten. Seit den 70er Jahren dieses Jahrhunderts wurden die Titel vielfach wieder "barocker"  und fachspezifischer. Teilweise wurden und werden noch Haupttitel gewählt, die nicht immer das folgen lassen, was sie versprechen. Sie geben einen allgemeinen Titel vor und behandeln dann nur eine oder wenige Familien; so bringt Hermann Graf v.Arnim in seinem Buch: Märkischer Adel lediglich einige (durchaus sehr interessante!) Biographien von Mitgliedern seiner Familie, aber es wurde damit keine weitgefaßte Geschichte des märkischen Adels vorgelegt. Ein anderes Beispiel legte das Staatsarchiv Detmold vor: Adel und Innovation, Untertitel: Industriepioniere aus der Familie v.Reden, Detmold 1996, begleitende Ausstellungsbrochüre, 48 S.

Eine besonders reichhaltiges Literaturgebiet entwickelte sich in der Zeit von 1918 bis 1935 im Bereich Neuadel aus Blut und Boden, in der die sehr unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus deutlich wird. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die politisch motivierten Kuriosatitel. Jene brachten zum Teil die seltsamsten Werke hervor. Streit, Ironie und Spott konnten auch noch weiter gehen und zu gehässigen und polemischen Schriften führen, die sich voller Emotionlität gegen den Adel wandten, so besonders nach der Revolution von 1848 oder 1918, hierfür ein - bezeichnenderweise anonym - in Leipzig 1919 erschienenes Beispiel: "Judenweibchen und Ausschußadel, ihre Beziehungen zu den Damen Ebert-Scheidemann und Genossinnen. Beteiligung der Wilhelmstraße an fortgesetzten geheimen Durchstechereien. Skandal und Volksbetrug!"

Erst nach 1945 hat sich die Adelsgeschichtsschreibung im Bereich der selbständig erschienenen Werke wieder versachlicht. Seit 1990 etablierte sich außerdem eine neue Gattung deutscher Adelsliteratur, die zwar nur einen kleinen Umfang einimmt, aber thematisch bedeutend ist: sie sogenannte "Heimkehrerliteratur." Sie beschäftigt sich mit dem Neubeginn überwiegend adeliger Geschlechter in den "neuen" Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg und ist überwiegend als Aufsatzliteratur erschienen.
 


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