Institut Deutsche Adelsforschung
Gegründet 1993
Online seit 1998

Start | Sitemap | Tipps | Anfragen | Zeitschrift | Neues | Über uns | AGB | Impressum

August von Kotzebue´s Vorrede aus seinem Werk "Vom Adel" (1792)

Zitat aus seinem "Bruchstück eines größeren historisch-pholosophischen Werkes"

"Ein kleines Buch übergebe ich dem Leser, doch ist es vielleicht ein Wort zu seiner Zeit geredet. Kann denn nur ein dickes Buch Aufseh´n erregen und Nutzen stiften? Die dicken Menschen und die dicken Bücher haben nicht immer viel Verstand. Der magere Voltaire sagte auf drey Seiten mehr Gutes, als der dicke Melchior Götz in allen seinen polemischen Schriften.

Ich wünsche mir eine Gattung Leser die sonst wenig liest: Jünglinge, welche froher Lebensgenuß um ihre Zeit betrügt; Geschäfftsmänner, welchen ein Roman keine Erhohlung gewährt; Damen, welche mehr zu kennen wünschen als die neusten Moden; junge Krieger auf der Wache; müssige Höflinge im Vorzimmer. Für Gelehrte schrieb ich nicht, ich bin kein Gelehrter.

Dieses kleine Buch ist Resultat meiner Lectüre aus vielen großen Büchern. Ich habe zusammengestellt, was hier und dort zerstreut, am Wege oder in Winkeln lag. Ich habe ein Scherflein dazu gegeben, Gold? oder Silber? oder Kupfer? Das entscheide der Leser. Dank habe ich verdient, wenn diese Blätter ein wenig Salz und Kraft enthalten; wenn sie treffen, wo sie treffen sollen; wenn sie beweisen, daß die Menschen nie und nirgends einander gleich waren; daß der Dummkopf und der Feigherzige gebohrne Sklaven, der Weise und Tapfere gebohrne Edelleute sind; wenn sie den jungen ahnenstolzen Laffen erinnern: Nur Tugend sey der wahre Adel; doch auch den Alles bespöttelnden Freyheits- und Gleichheits-Prediger überzeugen: Der alte Geschlechts-Adel sey keine bloße Schimäre. Ist mein Verdienst nur klein, ey nun, mein guter Wille ist groß, und stiften diese Blätter hin und wieder ein wenig Gutes, so bin ich belohnt.

Wenn heute ein Mahler aufträte, und die Menschen bittend warnte: Zerstört doch nicht die schönen Gemählde von Raphael, Correggio und Michel Angelo! Man würde ihm in die Zähne lachen, und mit Recht; denn nur ein Rasender könnte an jenen Meisterwerken sich vergreifen. Aber zu den Zeiten der Bilderstürmerey, als man mit heiliger Wuth die Kirchen ihrer Zierden beraubte, als man die Götzen vernichten wollte, und die Kunst vernichtete: damals war des Mahlers Warnung ein Wort zu rechter Zeit gesprochen. 

So ist es auch mit diesen Skizzen und Fragmenten über den Adel; nur im umgekehrten Verhältniß. Hätte ich noch vor hundert Jahren meine Zeitgenossen ermahnt, den Adel in Ehren zu halten, als Ahnen noch Verdienste gaben, und oft das einzige Verdienst waren; man würde mich mit Recht einen Thoren gescholten haben. 

Aber in unsern fieberhaften Zeiten, wo es Mode wird am Daseyn Gottes zu zweifeln; wo man Empörung zu Heldenthaten stempelt; wo man es für überflüssig hält, Gott und dem Kayser zu geben was ihnen gebührt; wo man den Adel herabzuwürdigen glaubt, wenn man auf ihn schimpft; wo die Gleichheit aller Stände der Stecken-Esel ist, auf welchem junge Dichter reiten; heutzutage, meyne ich, verdient Aufmunterung und Dank der Mann, der es versucht dem Volke zuzurufen: Ihr mögt immerhin die Bilder wegnehmen, daß man sie nicht zu Götzen erhebe, doch zerstört das Gute nicht mit dem Bösen! Der Baum hat dürre Äste, wollt ihr drum ihn abhauen? Trägt er doch auch grüne saftige Zweige.

Ehe ich die Vertheidigung des Adels übernehme, muß der Leser eine Reise um die Welt mit mir machen. Eilig wollen wir bey jedem Volke einkehren, seine Sitten belauschen, uns unter seine Edlen mischen, und ihre Rechte und Gewohnheiten mit zwey Worten in unser Tagebuch eintragen. Bey den meisten verlohnt es nicht der Mühe lange zu verweilen, doch darf ich, meinem Zwecke treu, an Keinem vorübergehn. Macht Euch der erste Bogen Langeweile, so werft darum das Buch nicht gleich aus der Hand. Windet Euch mit mir durch den verworrenen Pfad bis zu jenem Hügel; den wollen wir erklettern, und das Land umher überschauen. Findet ihr dann auch keine prächtige Lustschlösser, Gärten und Cascaden; so sollt ihr doch, wenn mir die Musen ihre Hülfe nicht versagen, ein anmuthiges Kornfeld, Wiesen und Bäume erblicken."


©  Institut Deutsche Adelsforschung - Quellenvermittlung für Wissenschaft, Familienforschung, Ahnenforschung | Seitenanfang