Zusammenfassung

Im Titel dieser Arbeit ist von panoramatischen Wahrnehmungsstrukturen die Rede. Damit sollte von vorneherein angedeutet werden, daß die Maltechnik des Panoramas und das poetische Verfahren des Vetters keinesfalls exakt übereinstimmen. Das ist schon deshalb unmöglich, weil die Panoramenmaler und der Vetter sich unterschiedlicher Medien bedienen, die ihren Gegenstand letztlich immer unterschiedlich abbilden. Wie wir gesehen haben, gibt es auch noch andere Unterschiede, vor allem, was den sich jeweils in der Erzählung und im Panorama erkennbaren Totalitätsanspruch betrifft. Der Vetter ist kein Panoramenmaler, und es ging Hoffmann mit Sicherheit nicht darum, die Anwendbarkeit eines Verfahrens der bildenden Kunst für die Literatur zu prüfen.

Die Verknüpfungen sitzen tiefer, sie wurzeln in dem historischen Moment, in dem sowohl das Panorama als auch die Erzählung entstanden sind. Faßt man es sehr allgemein, so zeichnet sich die Zeit um die Jahrhundertwende durch eine Flut neuartiger Signale, Reize und Erfahrungen aus, die von den damaligen Subjekten nicht sofort verarbeitet werden konnten. Zu diesen sinnverwirrenden neuen Erfahrungen gehören die Eroberung neuer Sehräume durch die Entdeckung des Horizontes und den Aufstieg der ersten Montgolfieren, die Umwälzungen, die die Napoleonischen Kriege mit sich brachten, die zunehmende Verbürgerlichung mit ihren neuen ökonomischen Vermittlungsformen und die Herausbildung der modernen Großstadt.

Diese Veränderungen schufen einen Bedarf nach neuen Wahrnehmungsformen, nach einer neuen Positionierung des Subjektes zu seiner Umwelt, mit denen es diese wieder verarbeiten konnte. Die panoramatische Wahrnehmungsform, wie sie sich zuerst an der Malerei und schließlich in "Des Vetters Eckfenster" in ihren Grundzügen ablesen läßt, erlaubt diese nicht nur räumliche, sondern auch psychische Neupositionierung. Ebenso wie das Panorama stellt die Erzählung eine Lektion in dieser neuen Form der Wahrnehmung dar.

Die distanzierte Beobachterposition, die Aufmerksamkeit aufs äußerliche, visuelle Detail, die Unterteilung des Sichtfeldes und der Verzicht auf tiefgreifende Erkenntnis zugunsten eines harmonischen Gesamtbildes sind die Merkmale einer Wahrnehmungsform, die in ihrer Betonung des Optischen schon auf die späteren Medien der Fotografie und des Films vorausweist. An dieser neuen Wahrnehmungsform läßt sich sowohl ein Gewinn als auch ein Verlust an Wirklichkeitserfahrung ablesen. Die Distanzierung und die Priorität des Auges erlauben es, ein Geschehen in seiner visuellen Gesamtheit abzubilden, das aus der Nähe mit seinen vielfältigen Sinnreizen das Subjekt überfordern würde. Zum andern läßt die Reduktion des Geschehens auf visuelle Eindrücke keine sicheren und in die Tiefe gehenden Erkenntnisse mehr zu, nur noch Hypothesen. Der Vetter wird nie herausfinden, ob er es mit einem Zeichenmeister oder einem Pastetenbäcker zu tun hat, und er will es auch gar nicht.


 
 
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