2.3. Parallele 3: Strukturierung des Gesamtbildes
Der Einsatz des Fernglases, das detailgenaues, wirkliches Schauen ermöglicht,
hat noch einen anderen Effekt. Der Blick durchs Fernglas löst eine
kontrollierbare Szene aus dem Gesamtrahmen und blendet den verwirrenden
Kontext aus. Das Fernglas erst ermöglicht es dem Besucher, überhaupt
etwas zu sehen. Daß der Vetter des Fernglases nicht mehr bedarf,
macht nur um so deutlicher, wie intensiv er in den vorangegangenen Wochen
mit ihm umgegangen sein muß. Ebenso wie die erhöhte Beobachtungsposition
und der Blick aufs Detail, ist die durch das Fernglas ermöglichte
Reduktion des komplexen Geschehens auf kleine Ausschnitte eine wesentliche
Voraussetzung für das Verfahren des Vetters.
Aber diese Reduktion des Geschehens ist immer wieder
rückgebunden an den die Übersicht wahrenden Vetter. Der Besucher
ist zwar mit dem Fernglas näher dran am bunten Treiben, er kann mehr
Details wahrnehmen, gleichzeitig ist es aber gerade der ausschnittartige
Charakter der Szenen, der zu Verkennungen führt. Ulrich Stadler schreibt
in diesem Zusammenhang:
Der Blick durchs Fernglas läßt das Ferne nah, das Kleine
groß erscheinen; er verzerrt die Proportionen und isoliert vor allem
das Wahrgenommene von seinem Umfeld. Die Zerstörung des gewohnten
Zusammenhangs fordert in hohem Maße die Phantasie des Betrachters
heraus, neue Zusammenhänge ins wahrgenommene Bild hineinzusehen. Die
Imagination wird entzündet - gerade durch die "Fixierung des Blicks"
auf ein Detail, das immer als ein Detail von etwas erkannt sein möchte.
(12)
Auch beim durchs Fernglas schauenden Besucher wird hin
und wieder die "Imagination entzündet". So schreibt Oesterle, daß
die "beschreibende Oberflächenwahrnehmung des Besuchers im Rollenspiel
der Gesprächspartner immer wieder ans Phantastische grenzt". (13)
Als Beispiel kann seine Beschreibung zweier alter Marktweiber gelten: "in
der Tat ein paar auffallende Physiognomien! welches dämonische Lächeln
- welche Gestikulation mit den dürren Knochenärmen!" (602) Seine
Formulierungen lassen den Wunsch erkennen, daß es sich bei den beiden
Figuren um zwei ganz außergewöhnliche, phantastische Charaktere
handelt. (14) Doch der Vetter relativiert
die Beobachtungen des Besuchers durch die Verbindung mit einem Kontext,
der zeitlich außerhalb des Fernglasauschnittes des Besuchers liegt
("Die Weiber sitzen beständig beisammen ...", "...haben sie sich doch
bis heute stets mit feindseligen Blicken angeschielt ...", "Vor wenigen
Minuten trat ein junges Mädchen ..." etc.).
Der erfahrene Vetter tritt also "als Regisseur und
Schulmeister des Blicks der Vetter auf, der die Gesamtszenerie schon lange
kennt und darum auf einzelne Szenen aufmerksam machen kann." (15)
Diese Funktion entspricht genau der, die bei der Panoramenmalerei der auf
der Plattform sich befindliche "Kontrolleur" innehat. Wie der Vetter hat
er durch intensive Vorstudien und seine distanzierte Beobachtungsposition
eher das Gesamtbild im Blick. Das erlaubt es ihm, die Ausführungen
der einzelnen, sich direkt vor der Leinwand befindlichen Maler vor allzu
individueller Ausgestaltung zu bewahren. Genau dies tut auch der Vetter,
wenn sein Besucher sich aufgrund der visuellen Nähe zu sehr im Ausschnitt
verliert. (16)
Sowohl bei der Erstellung eines Panoramas als auch beim Verfahren des
Vetters läßt sich eine duplizitäre Arbeitsteilung erkennen.
Durch diese Aufteilung wird größte Detailgenauigkeit erreicht,
ohne daß darum das Gesamtbild unstimmig wird. Jedes Detail muß
stimmen, aber es darf niemals aus dem Rahmen fallen. |