2.1. Parallele 1: Die Totale
Schon der Titel der Erzählung zeigt an, daß es in der Geschichte
weniger um bestimmte Figuren oder Handlungen geht als vielmehr um eine
bestimmte Art des Schauens, eine ganz spezifische Wahrnehmungskonstellation.
Daß der Vetter und sein Besucher an einem erhöhten Eckfenster
sitzen, das macht die spezifische Form und den Inhalt der Erzählung
aus. Ein Parterrefenster oder gar das gänzliche Fehlen einer Öffnung
hätten zu einer ganz anderen Geschichte geführt. Aber der Vetter
lebt in einem Eckhaus, "und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht
er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes." (598)
Eine ideale Beobachtungsposition: Da sie erhöht ist und sich gleichzeitig
an einer Ecke befindet, eröffnet sie den Blick auf das Geschehen in
einem 270° Rundblick. Zugleich ist sie zentral, über einem Marktplatze
gelegen, so daß dem Betrachter etwas geboten wird. Der Vetter befindet
sich dank dieses Fensters in einer ähnlichen Kontrollposition wie
der Besucher eines Panoramas, mit dem einzigen Unterschied, daß diesem
360° zur Verfügung stehen. Gleichzeitig geht mit dem Gewinn an
Blickfreiheit dem Vetter aufgrund seiner Position etwas verloren, nämlich
die Wahrnehmbarkeit des Geschehens durch seine anderen Sinne. Er kann das
Treiben auf dem Markte weder schmecken noch fühlen, und er kann es
nur begrenzt hören und riechen. Seine Wahrnehmung ist fast ausschließlich
auf visuelle Details reduziert, genau wie die der Panoramenbesucher. |